The Sound of Zwischenstufe

21. April 2004, 12:10
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Die australische Band The Vines versucht, mit dem Album "Winning Days" aus der "Nirvana"-Falle zu entkommen

Als vor zwei Jahren "Highly Evolved", das Debüt der Vines, erschien, hatte das Quartett aus dem australischen Sydney vor allem in der britischen Presse seinen Ruf als würdige Nachfolgeband von Nirvana längst gefestigt. Vor allem auch, weil sich die Gruppe um den schmolllippigen und auf jeden Fall postertauglichen Sänger und Gitarristen Craig Nicholls nicht besonders gegen diese Schublade wehrte und mit dem Titelsong des Albums musikalisch mehr als eindeutig auf Kurt Cobain und den klassischen Grungerock Bezug nahm. Eineinhalb Minuten Urgewalt mit wuchtigen, verzerrten Akkorden auf liebevoll im Geist von Nirvana verstimmten Gitarren. Im Urschlamm wühlende Bässe, ein durchgedrehter Schlagzeuger und der mit weit aufgerissenen Augen in die Unendlichkeit der Rauschdrogen starrende und brüllende Nicholls, der in Interviews zudem gerne sein Image als unberechenbarer Verrückter pflegte, reichten aus: The Vines waren damals allgemein geschätzte Hoffnungsträger im gerade wieder aufblühenden Gitarrenrock.

Wie das jetzt vorliegende und Highly Evolved nicht nur variierende, sondern stilistisch ausbauende Nachfolgewerk zeigt: Die Vergleiche sind so richtig wie falsch. Zwar werden auch auf Winning Days mehr als einmal Bezüge zu Nirvana hergestellt. Gerade die Klammer von Eröffnungssong und Abschlussstück, der aktuellen Single Ride und dem potenziellen Publikumsliebling Fuck The World, weisen eindeutige Parallelen mit dem ebenso simplen wie souverän mit brutalem Geholze, lyrisch-sanftmütigen Zwischenteilen, Stop-and-go-Dynamik und weiten Melodiebögen arbeitenden großen Toten auf. Siehe auch Stück zwei auf Winning Days: Animal Machine, mit seinen gequälten Schreien.

Spätestens ab dann beginnen allerdings die Söhne ihren Übervater hinter sich zu lassen und bringen eigene Visionen in ihre Musik ein. Der mit auffrisiertem Britpop und melodieselig-drängendem US-College-Rock zwischen Blur in ihrer deftigen Phase und Weezer auf Normalbetrieb hantierende TV Pro inklusive jugendradiotauglichem Woah-hah-hah-Chor als Refrain steht dafür ebenso ein wie das nachfolgende Autumn Shade II. Hier wird im Midtempo-Bereich eine Brücke zwischen kalifornischen Mamas & Papas (California Dreaming) und Oasis in ihrer wehklagenden Wonderwall-Ausrichtung gebaut. Die Vögel zwitschern, die Gitarren koppeln sensibel rück.

Psychedelia und Vorgaben aus der Popmusik der späten 60er-Jahre werden auf Winning Days ebenso nachverdaut wie man mit Songs wie Winning Days selbst, Amnesia oder Sun Child beweist, dass nicht nur besagte Mamas & Papas, sondern auch große Alte wie The Byrds oder die Beach Boys hier Pate gestanden haben. The Vines, die Craig Nicholls übrigens als guter Sohn nach The Vynes, der Band seines Vaters aus den 60er-Jahren, benannte, ernteten mit ihrem zweiten Album bisher nur negative und enttäuschte Kritiken. Das Versprechen ihres Debüts aus 2002 konnte nicht eingelöst werden, so der Grundtenor. Das stimmt so nicht. The Vines haben sich hier ernsthaft bemüht, aus der Kopistenfalle zu entwischen. Neben einigen gut funktionierenden Rockhadern gibt es jetzt zwar einige Hänger. Gerade aber die sich neu orientierenden Lieder untermauern die Vermutung, dass man auf das nächste, das schwierige dritte Album durchaus gespannt sein darf. Call it the sound of Zwischenstufe. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

Von
Christian Schachinger
  • The Vines  Winning Days (EMI)
    foto: emi

    The Vines
    Winning Days
    (EMI)

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