Pressestimmen: "Ausgeprägte Ignoranz"

15. April 2004, 19:34
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"Straßenkämpfe mit einem Jahr Verspätung"

Washington/Paris/Frankfurt/Rom - Die jüngste Irak-Pressekonferenz von US-Präsident George W. Bush wird am Donnerstag ausführlich kommentiert:

"Washington Post"

"Bushs Antwort kann es nicht sein, die Rechtmäßigkeit der Kritiker in Frage zu stellen; es muss die Erklärung sein, warum sie Unrecht haben. In dieser Hinsicht wird diese Regierung der Sache weiterhin nicht gerecht. (...) Was auch immer die Vereinigten Staaten tun, sie werden für eine lange Zeit im Irak beteiligt sein, und ihre Mission wird schwierig sein. Aber Bush könnte die Chancen auf Erfolg wesentlich erhöhen, indem er die US-Präsenz verstärkt und versucht, die Beziehungen zu den Alliierten und den Vereinten Nationen umzugestalten."

"Le Monde"

"Die Wahrheit ist: Die USA haben versagt. Der Regierung in Washington ist es innerhalb eines Jahres nicht gelungen, den Irak zu stabilisieren. Sie hat politische und militärische Fehler angehäuft und ein durchaus vorhandenes Sympathiekapital in der irakischen Bevölkerung verspielt. Ein Teil des Landes befindet sich im Kriegszustand, anderswo herrscht Unsicherheit. Investoren und Hilfsorganisationen flüchten angesichts der Entführungen. Alle diese Elemente führen zu einer Verstärkung des Nationalismus und des Islamismus in der Region. Innerhalb wie außerhalb des Landes ist der angerichtete Schaden enorm - für alle Betroffenen."

"Liberation"

"Bush sollte davon abkommen, allein und auch gegen die Iraker über die Zukunft des Landes entscheiden zu wollen. Leider gibt es keine Anzeichen für eine Änderung seiner Einstellung. Er benimmt sich wie der Held eines Katastrophenfilms, dessen Szenario er nicht ändern kann. Jedes Zugeständnis erscheint in seinen Augen wie ein Eingeständnis von Schwäche. Bis zur Präsidentenwahl im November ist Bush also dazu verdammt, Kurs zu halten, auch wenn ihn dieser Kurs zum Schiffbruch auf die Felsen führt, während er Mut und Entschlossenheit vorgibt. Diese beiden edlen Eigenschaften verwandeln sich ohne richtiges Ziel in Eigensinn und Dummheit".

"Frankfurter Rundschau"

"Nach wochenlangem Wegducken und sinkenden Zustimmungsraten tritt der US-Präsident vor sein Volk - und hinterlässt einen denkbar schlechten Eindruck. Weder demonstriert er Führungsstärke, noch räumt er die Zweifel an seiner Politik aus. Kurs halten, so das Credo. Die Anzeichen verdichten sich, dass Bush scheitern wird - im Irak und im November im eigenen Land. Was die Bewunderer Bushs, von denen es in den USA noch eine erstaunliche Zahl gibt, gern als Standfestigkeit loben, entpuppt sich nun als ausgeprägte Ignoranz, die sich nur noch mit religiösem Eifer erklären lässt. George W. Bush ist gefangen in einem Weltbild, das einzig die Kategorien Gut und Böse kennt. Mit dem Eifer eines Missionars ignoriert der Oberbefehlshaber der mächtigsten Streitmacht der Erde alle angebrachten Zweifel an dieser Dichotomie. Seine 'Antworten' auf die verfahrene Lage im Irak bieten keine Lösungen an, sie gleichen Glaubensbekenntnissen."

"Basler Zeitung"

"Die Pressekonferenz des Präsidenten war ein eindrucksvolles Dokument politischer Ratlosigkeit. Kurs halten, weitermachen, jetzt nicht schwach werden - das sind die Durchhalteparolen, mit denen Bush versucht, die wachsenden Ängste der US-Bürger vor einem Debakel im Stile des Vietnamkriegs zu zerstreuen. Die Rhetorik schien beinahe unverändert, doch im Gestus wirkte Bush verunsichert. Die täglichen Fernsehbilder von neuen Gefechten, Anschlägen und Geiselnahmen haben Bush offensichtlich zugesetzt."

"Politika" (Belgrad)

"Die US-Militärkräfte sind genau zu dem geworden, was sie im letzten Jahr zu vermeiden versuchten: Zu einer Besatzungsarmee, die in einen Guerillakrieg gegen die breite Front des irakischen Widerstandes hineingezogen ist. Was die Amerikaner bei der unblutigen Übergabe Bagdads vor einem Jahr vermeiden konnten, erhalten sie jetzt mit den Straßenkämpfen in vielen irakischen Städten. Die Entführung der Ausländer ist dabei nur der 'Kollateralschaden' dieser Seite der Dinge." (APA/dpa)

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