Ost-Gangster: "Die Krake ist schon hier"

16. April 2004, 21:59
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EU-Erweiterung bietet Verbrechersyndikaten einen größeren Markt. Experten warnen aber vor Hysterie

Die EU-Erweiterung bietet auch Verbrechersyndikaten einen größeren Markt. Experten warnen aber vor Hysterie: Sie erwarten keinen akuten Kriminalitätsanstieg nach dem 1. Mai.

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Hamburg - Vor der Osterweiterung der Europäischen Union wachsen Ängste, dass sich die milliardenschweren kriminellen Machenschaften zu einer krakenartigen Verflechtung internationaler Mafiabanden ausweiten. "Die Erweiterung der EU wird der OK (organisierten Kriminalität) neue Möglichkeiten bieten", heißt es in einem aktuellen EU-Bericht.

Kein Kriminalitätsanstieg erwartet

Doch Experten erwarten keinen dramatischen Kriminalitätsanstieg. "Es lassen sich viele Beispiele aufführen, die zeigen, wie sehr sich kriminelle Syndikate aus den GUS-Staaten bereits in den Beitrittsländern festgesetzt haben. Weitaus intensiver als in Westeuropa boomt im postkommunistischen Zentraleuropa die organisierte Kriminalität, deren Syndikate von Anfang an die Beitrittskandidaten als Brückenkopf für Westeuropa ausgebaut haben", bilanziert der Autor Jürgen Roth in seinem Buch "Die Gangster aus dem Osten. Neue Wege der Kriminalität".

"Die Krake ist schon hier"

4000 Gruppen Auch die EU selbst diagnostizierte im Vorfeld des Beitritts verbreitete Korruption, Menschenhandel oder auch organisierte Wirtschaftskriminalität in einigen der künftigen EU-Staaten. Auf rund 4000 Gruppen mit nahezu 40.000 Mitgliedern schätzt die Gemeinschaft das Potenzial der verbrecherischen Banden. Experten warnen jedoch davor, die neue Gefahr überzubewerten. "Die Krake ist schon hier. Der Schlagbaum hat sie nicht aufgehalten", sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Holger Bernsee. Es werde keine deutliche Veränderung geben. "Man soll um Gottes Willen kein Gespenst an die Wand malen", meint der Fahnder.

Personenkontrollen werde es weiterhin geben

Personenkontrollen an den Beitrittsländergrenzen werde es auch über den 1. Mai hinaus geben, und eine intensive und effiziente Überwachung des Warenverkehrs sei schon heute kaum möglich. Auch das deutsche Bundeskriminalamt erwartet keine drastische Zunahme der Verbrechen durch Banden aus dem Osten. Eindeutige Prognosen seien zwar kaum möglich. Ziemlich wahrscheinlich sei jedoch, dass bereits bestehende Netzwerke des organisierten Verbrechens sich weiter stabilisieren oder ausgebaut werden.

Forderungen nach einheitlichen Rechtssystemen

Die Exekutive wird beim Kampf gegen Mafiosi und Verbrecherbanden jedoch auch von hausgemachten Problemen behindert. Uneinheitliche Funksysteme erschweren die Arbeit, seit Jahren gibt es Forderungen nach vereinheitlichten Rechtssystemen. Ein einheitlicher Fahndungsraum für die Ermittler verschiedener Länder ist ebenso noch Zukunftsmusik. "Nach wie vor muss auf formellen Wegen um Amtshilfe ersucht werden", beschreibt Bernsee die Arbeit bei grenzüberschreitender Ermittlung. "Den Fahnder, der über Grenzen hinweg die Spuren verfolgt, gibt es nur im Fernsehen." (dpa, DER STANDARD Printausgabe 15.4.2004)

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    Uneinheitliche Funksysteme erschweren die Arbeit, seit Jahren gibt es Forderungen nach vereinheitlichten Rechtssystemen. Ein einheitlicher Fahndungsraum für die Ermittler verschiedener Länder ist noch Zukunftsmusik.

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