Lesben und Schwule als Eltern

22. April 2004, 15:52
41 Postings

Wiener Studie: "Paarhürde" bei Kinderwunsch kein Thema

Wien - Den Wunsch, eine Familie zu gründen und gemeinsam ein Kind aufzuziehen, melden in Europa und den USA zunehmend auch Lesben und Schwule an, weiß Olaf Kapella vom Institut für Familienforschung in Wien. Also sei es an der Zeit, den in den Sozialwissenschaften bestehenden "blinden Fleck" zu diesem Thema durch Überprüfbares zu ersetzen.

Anlass, den Vorsatz in die Tat umzusetzen, lieferten Kapella und seiner Institutskollegin Christiane Rille-Pfeiffer das von der EU teilfinanzierte "Family Impact Programm" aus den Jahren 2000 bis 2002. Im Rahmen einer Forschungskooperation von acht EU-Ländern wurde der Frage nachgegangen, warum die meisten Europäer eigenen Angaben zufolge Kinder zwar bekommen wollen, immer weniger von ihnen aber diesen Plan in die Tat umsetzen.

Auf der Suche nach den Gründen für diese Diskrepanz dürfe man gleichgeschlechtliche Paare nicht ausschließen, meinten die Wiener Forscher. Nur so werde man der "gesellschaftlichen Realität" gerecht: In Deutschland gebe es ein bis zwei Millionen Lesben und Schwule, die Kinder aus früheren heterosexuellen Beziehungen mit erziehen; auch Auslandsadoptionen und private Samenspenden würden praktiziert.

Für die explorative Untersuchung mit neun homosexuellen (von insgesamt 20) Paaren brachte die Einbeziehung von Lesben und Schwulen beträchtlichen Erkenntnisgewinn: So stellte sich heraus, dass es homosexuellen Paaren relativ leicht fällt, Einigkeit über die künftige Versorgung ihres Kindes zu erzielen. Die so genannte "Paarhürde", die es in Richtung Kinderwunschumsetzung zu überwinden gilt, ist bei ihnen mangels Mann-Frau-Konflikten entschieden niedriger.

Zudem - meinen Kapella und Rille-Pfeiffer - versuchten die homosexuellen Paare in hohem Maß, sich in die Situation ihres künftigen Kindes hineinzuversetzen.

Doch diese intensivere Auseinandersetzung mit den Rollenbildern könne auch gesamtgesellschaftlich einen Weg weisen: Mehr Kinder als derzeit würden in Europa erst dann auf die Welt kommen, wenn - abgesehen von der Schaffung nachwuchszuträglicher Verhältnisse - Illusionen über heterosexuelle Beziehungen überdacht würden. (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 4. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.