Von den Worten und ihren Taten

19. April 2004, 21:32
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Porträt des österreichischen Autors Erich Hackl und seines neuen Erzählbandes "Anprobieren eines Vaters"

Konsequent widmet der aus Steyr gebürtige Autor Erich Hackl sein Schreiben dem Andenken jener leisen Leben, die die offizielle Geschichtsschreibung übersieht. Nun erschien der Erzählband "Anprobieren eines Vaters" mit 18 Geschichten. Porträt eines sanften Widerspenstigen.


Wien - Lebensskizzen. Schicksalsskizzen. Erich Hackls Erzählungen wollen im Inneren aufbewahrt werden wie eine Reihe ernster Fotografien. Bildnisse, angefertigt mit großer Behutsamkeit und Sorgfalt. Sie alle bilden, darin gleicht Hackls Arbeit der investigativen Recherche eines Journalisten, reale Lebensläufe ab - Einzelschicksale, Familiengeschichten, oft über mehrere Generationen hinweg.

Wenn irgend möglich, bleibt er den Tatsachen treu, nennt Orte und Menschen bei ihren wahren Namen. So legen seine Texte nach und nach ein Aderngeflecht von Spuren, ergänzen einander, etwa in Wien, zur eigenen Topografie gelebten Lebens. Liechtensteinstraße, Große Mohrengasse, Florianigasse . . . Oder Mexikoplatz. Wo Erich Hackl selbst wohnt.


Interventionen in Wien

Die Menschen, denen Hackls Texte sich ebenso aufmerksam wie respektvoll zuwenden, ähneln einander. Alle haben sie sich, leise im Hintergrund, in schweren politischen Zeiten bewährt. Alle wurden sie von den Zeitläuften vergessen. Kommunisten, Sozialisten, Idealisten. Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg oder in Wien 1934. Widerständige gegen den Ungeist ihrer Zeit. Von den Nationalsozialisten in Lagern interniert. Umgekommen. Oder emigriert. Jüdische Familien.
Für manche von ihnen hat Erich Hackl in den letzten Jahren bei der Stadt Wien interveniert, die Aufstellung von Erinnerungstafeln vor ihren einstigen Wohnhäusern erwirkt. Allen anderen macht er seine Texte, Erzählungen, Romane als kostbare literarische Erinnerungstafeln zum Geschenk: "Denkmäler für Verfolgte", wie es in der eben erschienen Erzählung Familie Fleischmann heißt, die "weder an Prominente noch an Helden noch an anonyme Massen" erinnern.

Nicht immer allerdings, so Hackl im Gespräch, münden seine Nachforschungen, für die er oft monatelang, derzeit in Lateinamerika, recherchiert, in einen Text. Denn nicht für jedes Schicksal, für jede Geschichte finde er die entsprechende Form. Diese formale Unbedingtheit, mehr als die notwendige Vermengung von Fakten und Fiktion, trennt den Autor Erich Hackl vom Journalisten. Jedes Leben fordert seine Entsprechung durch den ihm eigenen sprachlichen, kompositorischen Rhythmus.

So lesen sich denn seine Texte, um im musikalischen Bild zu bleiben, auch wie ein Thema mit immer neuen Variationen. Und wie bei einem solchen sind es die Abweichungen, die zählen. Erstaunen mag im Fall des literarischen Komponisten Hackl allenfalls die Konsequenz, mit welcher der Chronist einem einzigen, seinem, Thema die Treue hält - über die Jahrzehnte hinweg, in grandioser Missachtung der wechselnden literarischen Moden.

"Zeiten, die nur die Entscheidung zwischen Weiß und Schwarz zulassen", so Hackl, und die vielfältigen, oft grausamen Konsequenzen solcher Entscheidungen für den Einzelnen und seine Nachkommen - ihrer Erforschung gilt seine entschiedene Hingabe. "Nicht, dass ich die Vielfalt der Grauwerte menschlichen Handelns weniger berichtenswert fände. Doch dafür gibt es sehr gute andere Autoren. Jene aber, über deren Leben ich berichte, blieben ansonsten unerwähnt."
Sonderbar fremd stehen seine ernsthaften, dezidiert linkspolitisch engagierten Texte heute im medialen Umfeld. Und berühren gerade durch das "Unpassende" ihrer Haltung, in der sich, aller Hacklschen Sanftheit zum Trotz, nachhaltige Widerspenstigkeit kundtut.


Rostige Ruinen

So mag es mehr als ein Zufall sein, dass Hackl ausgerechnet Ende der Achtzigerjahre mit ersten Büchern an die Öffentlichkeit trat, in jenem Moment, als andere ihre linken Ideale mit den rostigen Ruinen des Ostens verschrotteten. 1987 war das, mit der Erzählung Auroras Anlass. 1989 folgte Abschied von Sidonie, Hackls bisher wohl bekannteste Geschichte, der Bericht über das Schicksal des Zigeunermädchens Sidonie Adlersburg in Steyr während der Jahre des Nationalsozialismus. 1995 veröffentlichte er Sara und Simón. Eine endlose Geschichte, eine Familienchronik aus der Zeit der faschistischen Diktaturen in Uruguay und Argentinien, 1999 Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick und vor zwei Jahren Die Hochzeit von Auschwitz.
Dieser Tage erschien nun Hackls jüngster Erzählungsband, der unter dem Titel Anprobieren eines Vaters 18 kürzere, meist bereits publizierte Texte vereint. Skizzen etwa zum Leben der Schriftstellerinnen Stella Rotenberg und Elisabeth Freundlich,


Möglichkeitsvater

Oder über die Suche des "verwaisten Großvaters", von Argentiniens großem Dichter Juan Gelman, nach dem Enkel, dem unbekannten Kind des entführten Sohnes. Und nicht zuletzt jene über Ferdinand Hackl, den Namensvetter und Möglichkeitsvater. Und eine Kindheit in Wien. - Texte, die in ihrer Kürze Hackls Meisterschaft vorführen, Menschen anhand ausgewählter Momente ihres Lebens prägnant zu charakterisieren.

"Würde, nicht Rache" zitiert er eine Forderung Mauricio Rosencofs, der elfeinhalb Jahre Einzelhaft in den Kellern der Diktatoren Uruguays überlebte. Hackl legt die Liebe noch dazu. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2004)

Von
Cornelia Niedermeier

Informationen

Alle Bücher bei Diogenes.

Am Donnerstag, 15.4., um 19 Uhr, liest Erich Hackl in Wiener Neustadt, Stadtbücherei, Herzog-Leopold- Straße 21.

Am 20. 4., um 20 Uhr, im Alten Theater in Steyr, am 21. 4., 20 Uhr, in der Tyrolia- Buchhandlung in Innsbruck.

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    "Jedes Leben verlangt in der Darstellung die ihm entsprechende Form, hat seinen eigenen Rhythmus" - Erich Hackl, dessen Erzählungsband "Anprobieren eines Vaters" eben erschienen ist

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