Fusionen machen Mitarbeiter krank

21. April 2004, 15:39
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Britisch-schwedische Studie: Bei schnellem Firmenwachstum verdoppelt sich das Krankheitsrisiko

Stockholm/London/Wien - Rapide Expansionen und Fusionen machen die Mitarbeiter krank. Arbeitnehmer, die in Unternehmen tätig sind, die 18 Prozent und mehr pro Jahr wachsen, haben ein zweieinhalbmal höheres Risiko, langfristig oder chronisch krank zu werden. Das belegt ein britisch-schwedisches Forscherteam im Wissenschaftsmagazin The Lancet. Die Experten geben an, dass die Studie eins zu eins auf Österreich übertragbar ist.

Untersucht wurde das Arbeitsleben von 24.036 Arbeitnehmern in den Jahren 1991 bis 1996. Die Mediziner verglichen die Beschäftigungsdaten mit der Zahl der Krankenstandstage und den Krankheitsgeschichten. Jene zehn Prozent, die von raschen Firmenexpansionen betroffen waren, waren zweieinhalbmal so oft 90 Tage durchgehend krank oder im Spital wie andere Kollegen. "Wir sprechen also nicht von bloßen Erkältungen, sondern von langfristigen Krankheitsbildern - wie Depression, Wirbelsäulenschäden oder chronischen Krankheiten, die bei Stress eher auftreten", erklärte Jane Ferrie vom Institut für Öffentliche Gesundheit des University College of London dem STANDARD.

Alle Arbeitsbereiche

Die Studie erfasst Arbeitnehmer unter 65 Jahren, in allen Tätigkeitsbereichen im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft; egal, ob ihre Arbeit von der Firmenexpansion direkt betroffen war oder nicht. Über die Folgekosten machten die Wissenschafter keine Erhebungen. Entsprechende Berechnungen für Österreich liegen auch im Hauptverband der Sozialversicherungsträger nicht auf.

Die Untersuchung ist die erste, die Nebenwirkungen von Expansionen unter die Lupe nimmt. Bisher wurden ausschließlich Situationen durchleuchtet, in denen Mitarbeiter abgebaut wurden. Das British Medical Journal etwa berichtete jüngst, dass Arbeitnehmer von schrumpfenden Unternehmen ein doppelt so hohes Herzinfarktrisiko haben wie andere. "Die Resultate überraschten uns", sagte Ferrie: "Wir hatten erwartet, dass Expansion Sicherheit signalisiert. Die Wahrheit aber ist, dass nur stetes, langsames Wachstum den Mitarbeitern gut tut." Eine Politik rapider Expansion führe genauso zu Instabilität wie Kündigungen.

Instabile Struktur

Expansionen brächten eine generell instabile Organisationsstruktur mit sich, die dauernd der Firmengröße angepasst werden müsse, begründete Studienleiter Hugo Westelund das Phänomen. Probleme der Unternehmen bei der Suche nach qualifiziertem Personal für die geänderten Anforderungen machen den vorhandenen Mitarbeitern Stress: Sie hätten Angst, ein erhöhtes Arbeitspensum in der Übergangszeit nicht zu bewältigen. Mehrarbeit, immer wieder geänderte Job-Descriptions, mangelnde Unterstützung sowie familienunfreundliche Bedingungen hinterließen dementsprechende Spuren, betont Westelund. Letzteres betreffe vor allem Frauen: Von den betroffenen Testpersonen waren sie doppelt so oft krankgemeldet wie Männer. (Eva Stanzl, DER STANDARD Printausgabe, 15.4.2004)

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    Expansion schafft ebenso viel Unsicherheit wie Mitarbeiterabbau: Arbeitnehmer, deren Unternehmen rapide größer werden, müssen öfter zum Arzt als andere Kollegen

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