Holocaust auf Ungarisch

22. April 2004, 16:03
2 Postings

Kolumne von Paul Lendvai

Das offizielle Ungarn erinnert sich diese Woche mit der Eröffnung einer Fotoausstellung über Auschwitz im neu errichteten Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest und einer dreitägigen internationalen Konferenz an den Beginn der Gettoisierung der ungarischen Juden am 16. April 1944. Einige Wochen später rollten bereits die Züge nach Auschwitz. Unter der Oberaufsicht Adolf Eichmanns und seiner Schergen, nach dem deutschen Einmarsch am 19. März 1944, organisierten ungarische Gendarmen und Agenten die Deportation von Juden und jenen Christen, die nach den Rassengesetzen als solche galten: Je 70 Personen wurden in einen Viehwagon gepfercht ...

Die ungarischen Verantwortlichen haben ihren deutschen Meistern stolz gemeldet, dass sie zwischen 15. Mai und 7. Juli mit 147 Zügen insgesamt 437.402 Juden nach Auschwitz deportieren ließen.

Die Schätzungen der jüdischen Opfer belaufen sich im Trianon-Ungarn auf 297.000 und in den während des Krieges dank den Achsenmächten wieder eingegliederten und 1944/ 45 erneut verlorenen Gebieten (Nordsiebenbürgen, Südslowakei und Vojvodina) auf 267.000.

Auch für die Ungarn gilt sinngemäß, was Jean Améry in seiner großartigen Schrift "Jenseits von Schuld und Sühne" so formulierte: "Niemand kann feststellen, wie viele die Verbrechen erkannten, billigten, selbst begingen oder in ihrem ohnmächtigen Widerwillen in ihrem Namen durchgehen ließen." Der ungarische Historiker György Ranki wies darauf hin, dass sich die Juden nirgends in Osteuropa mit einer Nation so identifiziert haben wie in Ungarn, weshalb die Tragödie des Judentums auch eine Tragödie des Ungarntums gewesen sei. Am 5. April dieses Jahres verabschiedeten alle vier ungarischen Parlamentsparteien eine wichtige Erklärung zum 16. April, dem Gedenktag des ungarischen Holocaust. Darin heißt es wörtlich: "Der Holocaust ist die Tragödie der ungarischen Nation. Der Verlust lebt noch mit uns, der Schmerz ist noch nicht vorbei."

Diese Resolution war ein zutiefst symbolischer und zugleich überfälliger Akt. Der Holocaust gehörte, wie übrigens auch die Judengesetze von 1938–41, vier Jahrzehnte lang zu den Tabus unter der kommunistischen Herrschaft. Nach der Wende folgten 15 Jahre der Opfererinnerungen und Aufrechnungen, der Analogien und Vergleiche, aber auch des Wiederauflebens des "feinen Antisemitismus" rechtskonservativer und radikalpopulistischer Kreise.

Zeitlich fallen die Gedenkfeiern mit einer in der internationalen Presse ausführlich thematisierten Debatte über die offen antisemitischen Erklärungen eines Vorstandsmitglieds des ungarischen Schriftstellerverbands zusammen. Rund 160 prominente Schriftsteller, von Péter Esterházy und Magda Szabó bis Péter Nádas und György Konrad, traten aus dem Verband aus, weil die Leitung trotz zahlreicher Proteste nicht bereit war, sich von den antisemitischen Bemerkungen jenes Mannes zu distanzieren, der schon 2002 im Fernsehen die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Imre Kertész als "Ohrfeige für das Ungarntum" bezeichnet hatte.

Man kann nur hoffen, dass der Aufschrei der besten Vertreter der Literatur gegen das Wiederaufleben eines Kurses, der das Land schon einmal in die Katastrophe geführt hat, und die Gedenkfeiern in Budapest und in Auschwitz im Sinne der Parlamentsresolution zur Besinnung auf die so lange verdrängte Vergangenheit nicht nur rhetorisch, sondern substanziell beitragen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2004)

Share if you care.