Strategie mit Hohlräumen

14. April 2004, 17:39
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Im Irak läuft entschieden nichts so, wie es laufen sollte - von Christoph Winder

Schießereien in Falluja und Nadjaf, vierzig Entführte aus zwölf Ländern, Reibereien mit den britischen Alliierten: Im Irak läuft es entschieden nicht so, wie es laufen sollte. Das hat George W. Bush nicht gehindert, bei einer programmatischen Pressekonferenz weiter gedämpfte Zuversicht zu verströmen. Ja, die Lage sei "angespannt", und man müsse eventuell sogar mehr Soldaten entsenden, gab Bush zu. Und trotzdem war sich der US-Präsident sicher: "Wir machen Fortschritte."

So kann man es natürlich auch sehen. Dass Bush versucht, wenigstens verbal Ordnung in eine chaotische Wirklichkeit zu bringen, ist verständlich. Der US-Präsident ist seinen Wählern einen Erfolg schuldig. Das Problem ist, dass immer unklarer wird, wie dieser Erfolg aussehen könnte. Die Souveränitätsübergabe per 30. Juni und die Wahlen im nächsten Jahr, die Bush in Aussicht gestellt hat, bleiben Leerformeln, solange die Lage im Irak so ist, wie sie ist, und der Präsident jede konkrete Antwort schuldig bleibt, warum sie anders werden sollte.

Stattdessen setzt er weiter darauf, die Hohlräume der US-Strategie mit erhabenen Begriffen auszustopfen: Freiheit, Frieden, Souveränität für den Irak. Mit solchen Beschwörungen kann Bush noch eine Zeit lang an der Heimatfront punkten. Doch der schärfer zutage tretende Kontrast mit der deprimierenden Realität wird sich nicht auf Dauer wegreden lassen. In Wahrheit handelt die Regierung Bush aber ohnehin vielfach schon anders, als sie es nach außen hin darstellt. Um die Schiiten zur Räson zu rufen, hat sie Kontakte zum Iran - ein zentraler Teil der "Achse des Bösen" - hergestellt. Und in seiner Rede hat Bush auch vage angedeutet, dass der UNO bei der Souveränitätsübergabe an den Irak eine größere Rolle zugemessen werden könnte. Durchaus möglich, dass sich unter dem Druck der Ereignisse da eine Art stiller Wiederentdeckung jenes "Internationalismus" anbahnt, den Bush sonst so inbrünstig verabscheut. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2004)

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