Hintergrund: Zehn neue Kommissare stellen sich vor

18. April 2004, 13:19
2 Postings

Ernennungen sollen Anfang Mai bestätigt werden

Straßburg - Zwei Wochen vor der EU-Erweiterung am 1. Mai hat das Europaparlament am Dienstag mit der Anhörung der neuen Kommissare aus den zehn Beitrittsländern begonnen. Ihre Ernennung muss anschließend vom Plenum des Europaparlaments gebilligt werden - was während der am 3. Mai beginnenden Plenarsitzung in Straßburg geschehen soll.

Der 62 alte Ungar PETER BALAZS gilt als ehemaliger Botschafter seines Landes bei der EU bereits als Brüsseler Insider. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler arbeitete unter der kommunistischen Regierung im ungarischen Außenhandelsministerium. Nach dem Ende der KP-Herrschaft wurde er Staatssekretär im Handelsministerium, bevor er als Botschafter zunächst nach Dänemark und dann nach Deutschland ging. Ab 2002 bereitete er Ungarn als "Staatssekretär für die europäische Integration" auf den EU-Beitritt vor, 2003 wurde er EU-Botschafter in Brüssel. Balazs gilt als Sympathisant der sozialistischen Regierungspartei (MSZP). Er beherrscht vier Fremdsprachen - Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch.

JOE BORG ist seit 1998 Außenminister von Malta, dem mit 372.000 Einwohnern kleinsten der demnächst 25 EU-Staaten. Der 51 Jahre alte Jurist war von 1992 bis 1995 Präsident der maltesischen Zentralbank. Seine politische Karriere begann 1995, als er für die nationalistische Partei ins Parlament der Hauptstadt Valletta gewählt wurde. Nach den Sieg seiner Partei bei der Parlamentswahl 1998 wurde er Außenminister. In dieser Funktion leitete er die Aufnahmeverhandlungen mit der EU-Kommission.

Der 44 Jahre alte Slowake JAN FIGEL ist seit 2002 Abgeordneter der christlich-demokratischen Partei (KDH), die zur Regierungskoalition gehört. In der kommunistischen Tschechoslowakei war er als Elektroingenieur tätig. Nach der Wende wurde er 1998 zum slowakischen Staatssekretär für die europäische Integration ernannt. In dieser Funktion leitete er die Beitrittsverhandlungen mit der EU-Kommission. Im slowakischen Parlament ist Figel Vorsitzender des Außenausschusses.

DALIA GRYBAUSKAITE ist seit 2001 Finanzministerin in Litauen. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin studierte im damaligen Leningrad und Moskau. Sie gilt als Verfechterin einer rigorosen Haushaltspolitik. Die 47-Jährige, die es bei ihrem Lieblingssport Karate bis zum schwarzen Gürtel schaffte, nahm zehn Jahren lang an den Verhandlungen über den EU-Beitritt Litauens teil - zuerst als Vizechefin im Finanz- und Außenministerium, seit 2001 als Finanzministerin.

Die 55 Jahre alte DANUTA HUEBNER hat seit ihrer Ernennung zur Ministerin für die europäische Integration im Jahre 2003 die Beitrittsverhandlungen Polens mit der EU-Kommission geleitet. In der Politik ist die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin seit dem Zusammenbruch des Ostblocks aktiv. 1994 wurde sie stellvertretende Handelsministerin, ab 1996 baute sie das polnische Amt für die europäische Integration auf. Nach einem Aufenthalt beim Wirtschaftsausschuss der Vereinten Nationen kehrte sie 2001 nach Polen zurück - zunächst als Staatssekretärin, dann als Ministerin für europäische Integration.

SIIM KALLAS ist Chef der estnischen Reformpartei. Der 55-Jährige war zur Zeit des Kommunismus Leiter der estischen Sparkasse und später Vize-Chefredakteur der Zeitung "Rahva Hääl". Nachdem Estland unabhängig wurde, war Kallas zunächst Präsident der estischen Zentralbank (von 1995 bis 1996), dann Finanzminister (1999 bis 2002) und Regierungschef (2002 bis 2003). Der frühere Zentralbank-Chef ist in seinem Land umstritten: Er musste sich vor Gericht verantworten, weil ihm das Verschwinden von zehn Millionen Dollar von den Konten der Bank vorgeworfen wurde. Das Verfahren endete mit einem Freispruch. Seine Kritiker werfen ihm auch vor, dass er zu Zeiten der Sowjetunion Mitglied der Kommunistischen Partei war.

Lettland will seine derzeitige Außenministerin nach Brüssel schicken - die 51 Jahre alte SANDRA KALNIETE. Die frühere Kunsthistorikerin studierte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion internationale Beziehungen. Von 1993 bis 1997 war sie lettische Botschafterin bei der UNO in Genf, anschließend ging sie als Botschafterin nach Paris. Geboren wurde Kalniete in Sibirien, wohin ihre Famlie unter Stalin verschleppt wurde. Über diese Jahre hat die Lettin, die Russisch, Englisch und Französisch spricht, in einer Autobiografie berichtet ("In Tanzschuhen durch den Schnee von Sibirien").

Tschechien schickt mit PAVEL TELICKA einen ausgesuchten EU-Kenner nach Brüssel. Er war maßgeblich an den Beitrittsverhandlungen beteiligt und ist derzeit Botschafter seines Landes bei der EU. Mit 38 Jahren ist er der jüngste der designierten Kommissare aus den zehn Beitrittsländern. Er wurde im Februar nominiert, nachdem der ehemalige tschechische Umweltminister Milos Kuzvart überraschend abgewinkt hatte. In der früheren Tschechoslowakei gehörte Telicka der Kommunistischen Partei an, weshalb seine Nominierung im eigenen Land umstritten war. In seiner Freizeit spielt er gern Rugby.

Für Zypern soll der derzeitige Finanzminister MARKOS KYPRIANOU nach Brüssel gehen. Der 44 Jahre alte Jurist hat an der britischen Elite-Universität Cambridge und der renommierten Harvard Law School studiert. Er ist Spezialist für Steuer- und Unternehmensrecht. Seine politische Karriere begann Kyprianou innerhalb der Demokratischen Partei Zyperns. Für diese wurde er 1991 erstmals in Parlament von Nikosia gewählt.

Der 45-jährige promovierte Wirtschaftswissenschaftler JANEZ POTOCNIK ist seit 2002 slowenischer Europaminister. Im früheren kommunistischen Jugoslawien und später im unabhängig gewordenen Slowenien war er als Wissenschaftler tätig. 1993 wurde er Leiter des staatlichen slowenischen Amtes für makroökonomische Forschung, bevor er 1998 zum Verhandlungsleiter für die Beitrittsgespräche ernannt wurde. (APA/AFP)

Share if you care.