"Lichtschutzfaktor?!?"

20. April 2004, 15:49
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ÖsterreicherInnen greifen gerne zu Sonnenschutzmitteln - aber ihre persönlichen Erfordernisse kennen sie oft nicht

Wien - 70 Prozent der ÖsterreicherInnen benutzen Markterhebungen zufolge Sonnenpflegeprodukte. 56 Prozent der Anwender bekommen aber trotz Lichtschutz oft oder zumindest gelegentlich einen Sonnenbrand. Schuld daran ist mangelndes Wissen: 78 Prozent der Teilnehmer an einer Kosmetikstudie konnten nicht sagen, was der Terminus "Lichtschutzfaktor" eigentlich bedeutet. Mehr als 90 Prozent der Befragten kannten ihren eigenen Hauttyp nicht und können daher weder ihre Eigenschutzzeit noch den erforderlichen UV-Schutz richtig einschätzen.

Gutes und Schlechtes im Sonnenlicht

Die Sonnenseiten: UV-Licht löst komplizierte biologische Vorgänge im menschlichen Organismus aus - es aktiviert körpereigene "Opiate" und verursacht dadurch Glücksgefühle. Die Lichtsignale gelangen über die Netzhaut ins Gehirn und sorgen für die Ausschüttung des Nervenbotenstoffs Serotonin, auch "Gute Laune-Hormon" genannt. Die Haut produziert unter Sonnenbestrahlung außerdem das Hormon Pro-Opio-Melanocortin, das die Ausschüttung des körpereigenen Glücklichmachers Beta-Endorphin veranlasst. UV-Licht spielt auch die entscheidende Rolle beim Aufbau des Vitamins D3, das der Körper für den Knochenaufbau braucht.

Die Schattenseiten: Die langwelligen UVA-Strahlen dringen tief in die Haut ein. Sie behindern die Neubildung der Bindegewebszellen, zerstören das für die Elastizität der Haut wichtige Kollagen und sind für rund 70 Prozent aller Fälle von Sonnenallergien verantwortlich. Das kurzwellige UVB-Licht verursacht den Sonnenbrand. Die Rötung tritt erst sechs bis 24 Stunden nach dem Sonnenbad auf. Vom Licht verletzte Zellen entzünden sich und schwellen an. Wenn es "brennt", sind Strahlen bereits bis in die Zellkerne gelangt und haben der Erbsubstanz Schäden zugefügt. Mit ihrer Reaktion versucht die Haut, die Krebs verursachende Zellteilung gering zu halten.

Die begehrte Sonnenbräune ist nur ein natürlicher Schutzmechanismus. Um Schäden abzuwehren, produzieren Hautzellen (Melanozyten) das Farbpigment Melanin.

Simpel aber wahr

"Sonnenlicht an sich ist schädlich", sagt Univ.-Prof. Dr. Beatrix Volc-Platzer, Leiterin der dermatologischen Abteilung im Wiener SMZ-Ost. "Das ist eine Grundwahrheit." Kleinere UV-Schäden kann die Haut selbst ausgleichen. Dieser genetisch verankerte Reparaturmechanismus werde durch Sonnenlicht aber gestört. Übersteigt die Strahlenintensität die Möglichkeiten des Notprogramms, sind die DNA-Veränderungen überhaupt dauerhaft.

Im schlimmsten Fall entsteht, meist erst Jahrzehnte nach dem Schaden, ein Melanom. Diese gefährlichste Hautkrebserkrankung liege internationalen Studien zufolge bei Frauen schon an zweiter Stelle aller Krebserkrankungen, noch vor dem Mammakarzinom (Brustkrebs), bei Männern auf dem dritten Platz, warnte die Dermatologin. Die Anzahl der durch UV-Licht verursachten Hautkrebsfälle sei weiter steigend. "Das wird auch die nächsten 20 bis 30 Jahre noch so sein. Denn Sonnenschäden werden von Kindheit an 'gesammelt', die Folgen treten erst nach Jahrzehnten zu Tage", so Volc-Platzer. Ein Umdenken zu einem vorsichtigeren Umgang mit der Sonne hat aber erst vor relativ kurzer Zeit eingesetzt.

Geeignete Schutzmaßnahmen

Was schützt vor zu viel Sonne?: "Wirksame systemische Mittel (z.B. Medikamente, Anm.) gibt es noch nicht", sagt die Wiener Hautärztin Beatrix Volc-Platzer. "Das hauteigene Melanin ist ein ungenügender Schutz." Vorbräunen in Solarien erzeuge keine "Lichtschwiele" (die Verdickung der Hornhaut durch UV-Licht, Anm.), dafür aber bei vielen Nutzern eine "falsche Sicherheit". Selbstbräuner machen zwar auf ungefährliche Weise braun, liefern aber auch keinen Lichtschutz. Fazit der Ärztin: "Wir können uns nur einschmieren."

Sinnvolle Prävention bedeutet der Expertin zufolge die Verwendung von Sonnenkosmetika mit ausreichendem Lichtschutzfaktor und das Tragen (UV-dichter) Kleidung. Vor allem der Nachwuchs muss unbedingt vor Sonnenbrand bewahrt werden. "Es ist fahrlässig, Kinder nicht einzuschmieren", warnte Volc-Platzer. Schutz brauchen die Kleinen nicht nur im Schwimmbad, sondern auch in der Sandkiste. UV-Schäden wirken "kumulativ", d.h. die Haut reagiert auf jeden Lichtschaden mit einem "Elefantengedächtnis", das ein Leben lang nichts vergisst und nichts verzeiht. "Leider passieren die meisten Sonnenbrände in der Kindheit."

Der Lichtschutzfaktor

Rechnen mit dem Lichtschutzfaktor (LSF): Die auf allen Sonnenschutzprodukten angegebene Ziffer ist jener Faktor, mit dem man seine Eigenschutzzeit multipliziert. So erhält man die ungefähre Zeitspanne, während der man sich eingecremt in der Sonne aufhalten darf. Eigenschutzzeit meint dabei jenen Zeitraum, den man sich ungeschützt der Sonne aussetzen kann, ohne dass sich die Haut rötet. Rechenbeispiel: Ein Mensch vom häufigen Hauttyp II (Eigenschutz zehn bis 20 Minuten) muss ein Produkt mit Faktor 10 verwenden, um allerhöchstens eine Stunde 40 Minuten bis drei Stunden 20 Minuten sonnen zu können.

"Für die breite Masse mit einem normalen, gesunden Hauttyp genügt ein Lichtschutzfaktor 12 bis 15", meint Volc-Platzer. Höhere Faktoren - angeboten werden Produkte bis LSF 40 oder 60 - können empfindlichen Menschen oder Patienten mit Lichtdermatosen gute Dienste erweisen. "Bei höheren Faktoren stimmt die Rechnung aber nicht mehr, das geht nicht linear", warnt die Ärztin. Im Klartext: LSF 40 oder 60 bedeutet nicht, dass man ungestraft gleich einen halben Tag in der Sonne verbringen kann, denn, so Volc-Platzer: "An der Absorption des UV-Lichts ändert sich im Vergleich zu niedrigeren Faktoren nicht mehr viel, die erlaubte Zeitspanne verlängert sich nur um wenig."

Nachcremen!

Die maximal erlaubte Besonnungszeit sollte zu höchstens zwei Dritteln ausgeschöpft werden. Wer immer ans Limit geht, riskiert Hautschäden. Die Produkte werden ja im Labor getestet, im Strandbad geht es anders zu. Um den Schutz trotz Schweiß, Wasser, Sand und Rubbeln mit dem Handtuch aufrecht zu erhalten, sollte laut Volc-Platzer "alle zwei Stunden" nachgecremt werden.

Einzelne Bestandteile von Sonnenschutzmitteln, vor allem die Filtersubstanzen, können wie auch andere Kosmetika in Einzelfällen Kontaktallergien auslösen. "Dann sollte man auf andere Präparate umsteigen, aber nicht auf Lichtschutz verzichten", rät die Dermatologin. "Sonnenschutz ist das oberste Gebot." (APA)

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