Noch zwicken in Vilnius die "Krokodile"

1. Juli 2005, 13:59
10 Postings

Die O-Busse in Litauens Hauptstadt haben Zukunft

Sie sind an sich schon eine Touristenattraktion, die größtenteils noch aus Sowjetzeiten stammenden beige-roten O-Busse in Vilnius. Trotz ihres teilweise beträchtlichen Alters - etliche sind Skoda-Modelle aus den 60ern - tragen sie in der litauischen Hauptstadt ebenso wie in Kaunas nach wie vor die Hauptlast des öffentlichen Verkehrs. Noch älter als die rüstigen, gut gewarteten Oldtimer ist das Entwertungssystem im Inneren: die vollmechanischen "Komposteriai". Manche sagen scherzhaft auch "Krokodile" zu ihnen.

Die etwa fotoapparatgroßen, roten Metallkästchen muss der Fahrgast selber bedienen und sein um 80 litauische Cent (23 Eurocent) erworbenes Ticket mit der Hand "zwicken". Die Sache klingt in einer Zeit, wo anderswo in Europa die Tickets per SMS gelöst werden können und elektronische Fahrkahrtensysteme installiert werden, ziemlich primitiv. Doch funktioniert die Kontrolle ausreichend effizient: Zwei Mal am Tag wird das "Gebissmuster der Krokodile", natürlich ebenfalls manuell, geändert.

Ein Ticket mit nicht mehr so frischen Bisswunden zieht, wenn man erwischt wird, eine Strafe von 20 Litas (5,79 Euro) nach sich. Für den Durchschnittsverdiener in Vilnius ist das ein ordentlicher Happen. Die anderen sitzen ohnehin in ihren Autos und verschlechtern die Luftqualität der Stadt.

Was man von den O-Bussen nicht behaupten kann. Der dieselgeprüfte urbane Westeuropäer braucht trotz des Furcht erregenden Aussehens der Skoda 9 TR - so die Bezeichnung des ältesten Modells mit den nostalgischen Rundkanten - nicht die Luft anzuhalten, wenn einer davon klappernd an ihm vorüber gleitet. In der Stadtverwaltung hat man angesichts der immer mehr werdenden privaten Minibus-Taxis die Umweltfreundlichkeit der O-Busse erkannt: Sukzessive sollen die altgedienten Busse durch moderne Modelle ausgetauscht werden. Vilnius will 45 der insgesamt mehr als 300 Stück durch neue ersetzen.

Viel von den Träumen der Verkehrsplaner wird aus Geldmangel allerdings auf sich warten lassen. Dazu gehört auch die Errichtung von drei Straßenbahnlinien. Bürgermeister Arturas Zuokas hofft unter anderem auf Gelder aus der EU. Wer also gerne sein eigener Schaffner sein und erleben will, wie es in einer Kurve über dem O-Bus kräftig rummst, das Fahrzeug stehen bleibt, die Chauffeurin mit stoischer Ruhe die Arbeitshandschuhe anzieht und die Stromabnehmer wieder in die Oberleitung einhängt, dem sei geraten, in absehbarer Zeit nach Vilnius zu fahren.(apa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der älteste, noch im Einsatz befindliche O-Bus in Vilnius

Share if you care.