Pressestimmen: "Ohnmächtige Supermacht"

15. April 2004, 06:28
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"Geiselnahmen als bewaffnete Propaganda"

Zürich/Frankfurt/Paris/Rom - Mit den für die USA beunruhigenden Entwicklungen im Irak befassen sich am Mittwoch zahlreiche europäische Pressekommentare:

"Neue Zürcher Zeitung"

"Nach einer Woche der blutigsten Kämpfe seit einem Jahr im Irak, nach über siebzig amerikanischen und dem Zehnfachen an irakischen Toten, ist die Strategie der Besetzungskoalition von Politikern in Bagdad in Frage gestellt worden. Was die Amerikaner als unumgängliche Operationen zur Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit darstellten, hat dem jungen schiitischen Hitzkopf Muktada al Sadr einen bisher nicht da gewesenen Zulauf unter der Bevölkerung verschafft. Und die Umzingelung und versuchte Wiedereroberung Fallujas hat ein Widerstandsvermögen der sunnitischen Kämpfer an den Tag gebracht, das kaum jemand erwartet hatte. Die von den Besetzern aufgebauten irakischen Instanzen, sowohl der Regierende Rat als auch die Sicherheitskräfte, erwiesen sich gegenüber der bewaffneten Herausforderung durch irakische Kräfte als machtlos. Ein Teil der Polizisten lief sogar über."

"Tages-Anzeiger" (Zürich)

"Die Entführungen (von Ausländern) sind gezielte politische Aktionen gegen die USA, die einzige Schutzmacht im Irak. 'Bewaffnete Propaganda' nennen Aufständische solche Geiselnahmen - und die letzten Tage zeigen, wie wirksam diese Form des Terrorismus selbst gegen die übermächtigen USA sein kann. Indem sie ausländische Zivilisten in ihre Gewalt bringen, verschärfen die Geiselnehmer das Dilemma, mit dem die USA sich im Irak konfrontiert sehen. Sie sind gezwungen zu verhandeln - und müssen erkennen, dass sie keine verlässlichen Verhandlungspartner haben. Die USA sind zwar eine militärische Supermacht, im Irak jedoch politisch ohnmächtig. Nur mit Hilfe der Vereinten Nationen ist ein politischer Wiederaufbau des Irak denkbar - und er würde diplomatisches Geschick und sehr viel Zeit brauchen, um eine Aussicht auf Erfolg zu haben."

"Frankfurter Rundschau"

"Spätestens die sunnitisch-schiitische Parallel-Revolte hat offenbart, dass nicht nur die politischen, sondern auch die operationellen Pläne der Besatzer eher dem Wunschdenken Washingtons entsprachen als der Wirklichkeit im Irak. Es gibt für arabische Länder keine Instant-Demokratie und keine Armee- oder Polizeikräfte aus der Retorte. (...) So muss der Kommandant der US-Streitkräfte im Nahen Osten um neue Truppen betteln. In der Not sollen jetzt auch höhere Offiziere aus Saddam Husseins ehemaliger Armee zurückverpflichtet werden. So viel zur Entscheidung des US-Zivilverwalters Bremer, diese Armee aufzulösen. Jeder Großkonzern, der seine Planung mit der Naivität des Pentagon und dem Amateurismus der US-Zivilverwaltung in Bagdad durchgeführt hätte, wäre längst seiner Führung beraubt und zerschlagen."

"La Tribune" (Paris)

"Niemand bestreitet heute mehr, dass die irakischen Ölreserven, die zu den bedeutendsten der Welt gehören, eine entscheidende Rolle im von den USA begonnenen Krieg gegen Saddam Hussein gespielt haben. Um sich selbst davon zu überzeugen, braucht man sich nur anzuschauen, wie außergewöhnlich die Ölquellen von den US-Soldaten geschützt werden, während sich überall sonst das Chaos breitmacht. Das Vorhaben der Bush-Regierung, im Irak eine stabile, pro-amerikanische Regierung einzusetzen, die als Vorbild für die ganze Region dienen kann, wird gerade zum Fiasko. Doch ein Rückzug der Truppen ist derzeit nicht möglich. (...) Sonst würde man auch das Erdöl aufgeben, den Nerv des Krieges. Die USA scheinen also dazu verdammt zu sein, einen Besatzungskrieg mit vielen Opfern zu führen. So lange die amerikanische Öffentlichkeit das hinnimmt."

"La Repubblica" (Rom)

"Nicht einer der hochrangigen Offiziellen der neu gebildeten Armee, bezahlt und ausgerüstet von den Amerikanern, hat unseres Wissens das Angebot gemacht, mit seinen Leuten gegen die sunnitische Rebellion vorzugehen. Mehr noch, es ist bekannt, dass eine Einheit sich geweigert hat, an der Aktion teilzunehmen. Und nicht ein Verantwortlicher der irakischen Polizei, die vom 30. Juni an für Ordnung sorgen soll, hat im Fernsehen die Revolte der schiitischen Milizen verurteilt. Ein Jahr nach dem Ende des Feldzuges und anderthalb Monate vor der Übergabe der Macht an die neuen irakischen Autoritäten ist dies ein beunruhigendes Schweigen. Zumindest für die Amerikaner. Die sich nicht anders als allein fühlen können."

"Corriere della Sera" (Mailand)

"Das wirkliche Debakel im Irak ist das Fehlen einer sozialen und kulturellen Offensive, die Millionen von Irakern erwartet hatten, die seinerzeit glücklich über den Sturz Saddam Husseins waren. Die alliierten Soldaten in Nassiriya, die zivilen Geiseln, hängen von den Waffen ab, aber die Zukunft, ihre und unsere, vom politischen Konsens. Die Lösung wäre ein Marshall-Plan der Freiheit und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Alternative ist ein langer und blutiger Stellungskrieg im Irak samt Anschlägen sowie tragischen Entführungen auch im Westen."

"El Periodico" (Barcelona)

"Die Armee der USA hat sich von der Frage der allgemeinen Sicherheit im Irak losgesagt. Die Soldaten verschanzen sich in ihren Festungen und unternehmen nur noch Strafoperationen gegen Aufständische. Das Resultat dieser Strategie könnte kaum schlimmer sein. Überall hat sich Chaos ausgebreitet, die ausländischen Helfer flüchten in Scharen. Das Weiße Haus scheint die einzige Institution zu sein, die alle Alarmzeichen ignoriert. Es will die Aufständischen und Geiselnehmer mit militärischer Gewalt besiegen. Diese Strategie scheiterte bereits im Krieg gegen den Terror. Ein solcher Reinfall scheint sich im Irak zu wiederholen." (APA/dpa)

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