Wachsende Kriminalität im Internet-Underground

26. April 2004, 11:11
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Kasperski-Labs gehört zu den weltweit führenden Jägern von Computerviren - Für die Zukunft des Internets in seiner jetzigen Form sieht Firmenchef Jewgeni Kasperski schwarz

"Was denken Sie, wer nach dem Bürgermeister und dem Parteisekretär der drittwichtigste Mann in einer sowjetischen Hafenstadt war? Der Venerologe für die ab- und anreisenden Matrosen." Jewgeni Kasperski liebt plastische Vergleiche, wenn er von der virtuellen Welt des Internet erzählt. Die dortigen Infizierungen zu heilen hat er sich zum Beruf gemacht, nach- dem er 1989, damals noch als Programmierer im russischen Verteidigungsministerium, den ersten Virus neutralisierte.

300 Mitarbeiter

Heute zählt seine 1997 gegründete Firma für Antivirusprogramme 300 Mitarbeiter: Kasperski-Labs, das Laboratorium in einem 16-stöckigen Plattenbau an Moskaus nördlichem Stadtrand, beherrscht nicht nur die Hälfte des russischen Marktes für Antivirenprogramme, auch im internationalen Geschäft erlangt es mehr und mehr Aufmerksamkeit - zuletzt, als es den Wurm "Mydoom" als Erstes entdeckte. Zwar hat man im Umsatz noch nicht zu den Big Players aufgeschlossen. Aber in der Virenerkennung gehört das Erfolgsunternehmen längst zu den weltweit führenden.

"Wenn sich im derzeitigen Internet nichts ändert, stirbt es in fünf bis zehn Jahren wegen seiner Gefährlichkeit".

Nichts zeugt von einem pessimistischen Charakter des Kettenrauchers. Es sind vielmehr 15 Jahre Beschäftigung mit dem Web-Innenleben, die den analytischen Scharfsinn des heute 38-Jährigen zu einer düsteren Prognose veranlasst: "Im Laufe der Jahre wird mein negatives Szenario leider immer mehr bestätigt. Wenn sich im derzeitigen Internet nichts ändert, stirbt es in fünf bis zehn Jahren wegen seiner Gefährlichkeit".

Täterwettkampf

Viren, Würmer, trojanische Pferde und Spams - vor zwei Jahren kam monatlich eine Attacke, erinnert sich Jewgeni, vor einem Jahr wöchentlich, "und nun hatten wir schon mal einen Spitzenwert von fünf Attacken an einem Tag". Die steigende Frequenz allein sei aber nicht das einzige Problem, sie würde vielmehr zeigen, welcher Wettkampf bei den anonymen Tätern, den Virenproduzenten, stattfindet.

"In eigenen Chats prahlen die Hacker voreinander, wer wie viel gestohlen hat"

Uneinheitlich das Psychogramm der Hacker: Bosheiten Pubertierender habe es immer gegeben, aber das regelt das Alter. Ernsthafter wurde es mit dem Auftauchen von Internetbanking und Businessprozeduren - seither werde nach Geld gejagt: "In eigenen Chats prahlen die Hacker voreinander, wer wie viel gestohlen hat", erzählt Jewgeni. Im Großen und Ganzen waren es Einzeltäter, mittlerweile aber würden Gruppen agieren - international vernetzt, Viren würden überall geschrieben, in Russland nicht mehr als sonst wo. Anscheinend kooperieren Spam-Produzenten mit Hackern, um mit trojanischen Programmen Massenaussendungen zu tätigen: "Es besteht der starke Eindruck, dass Hacker vom dollarmilliardenschweren Spam-Business, das ja in immer mehr Ländern verboten wird, bezahlt werden." Für Jewgeni ist offensichtlich, dass die organisierte Kriminalität dabei ist, das Internet für sich zu entdecken: Nicht nur Spam, auch Racket wurde schon festgestellt, wo jemand durch überlastende Massenattacken eines trojanischen Virus auf seinen Internetdienst erpresst wird - zwei Fälle in England und heuer einer in Österreich. Manchmal kämpfen schon Virenproduzenten untereinander, wie in einem mafiosen Aufteilungskampf. Da sei es auch nicht unmöglich, dass künftig auch Terrorattacken stattfinden, etwa durch Lahmlegung nationaler Sicherheitssysteme.

Zwar profitiert Jewgeni von den anarchischen Zuständen, aber trotzdem plädiert er für dringliche Maßnahmen, denn das legale Business wird sich allmählich vom jetzigen Internet abwenden: "Wie auf der Straße braucht es Polizei, Führerschein, Nummerntafel."

Ende der Anonymität

Das Internet könne nur gerettet werden, wenn es seine Anonymität aufgibt; die IP-Adresse des PC reiche nicht, es müsse auch der Benutzer beim Einstieg ins Netz identifiziert werden. Wenn weltweit ein solches "sicheres" Netz aufgebaut wird, werden zwei Netze parallel bestehen, das anonyme immer mehr an Bedeutung verlieren, lautet ein Szenario. Andernfalls entstehen parallel zum anonymen Netz sichere nationale Netze, woran England beispielsweise bereits arbeitet.

Derzeit jedenfalls überweist Jewgeni Geld im Internet nur in Ausnahmefällen und dann nur mit Kreditkarte, wo ihm die Abbuchung umgehend mit SMS bestätigt wird: "Berufskrankheit", sagt er. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD Printausgabe, 14. April 2004)

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