Strammstehen vor dem Weltgeist

18. April 2004, 18:33
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Hans Neuenfels inszeniert "Fidelio" an der Hamburger Staatsoper

Hamburg - Zwei Jahrhunderte lang hat Leonore das Preislied der Kerkertüren sprengenden Gattenliebe über sich ergehen lassen (müssen). Nun kann sie es nicht mehr hören. Mit energischen, fast wütenden Gesten versucht sie, den aufs Happyend versessenen Chor zum Schweigen zu bringen. Aber naturgemäß gehen auch diesmal die Operndinge ihren vorgesehenen Gang: Nur für die Protagonistin scheint das Finale eher die schlimmstmögliche Wendung der Geschichte zu bedeuten.

Und weil Hamburgs Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher den in rasendem Stillstand kein Ende nehmen wollenden C-Dur-Jubel des Fidelio-Finales klanglich bis zum Äußersten anschärft, vergeht nicht bloß Leonore Hören und Sehen. Auch Florestan hockt recht kümmerlich in seinem Rollstuhl und verfolgt befremdet das kunterbunte Treiben. Er scheint zu ahnen, dass durch die Haft nicht nur seine Gesundheit Schaden genommen hat. Die mutige Befreiungstat hat seine Gemahlin stärker verändert, als einem spanischen Macho lieb sein kann. Wir wollen nicht wetten, dass dem Paar künftig immer das reinste Eheglück beschieden sein wird.

Susan Anthony und Hubert Delamboye sind bereits vorher aus der Geschichte ausgestiegen. Die namenlose Freude der Wiedervereinigung singen sie als konzertantes Bravourduett vom Blatt, als sei dies nicht der Moment des erfüllten Augenblicks schlechthin - zu schön fast, um ein "Verweile doch!" zu stammeln -, sondern eine rampentaugliche Virtuosennummer, die dramaturgisch routiniert zum abschließenden Appell überleitet, wo alle noch einmal vor dem konkretisierten Weltgeist der Utopie strammstehen müssen.

Dass man hier nicht der Tradition Gustav Mahlers folgend die dritte Leonoren-Ouvertüre einschieben kann, versteht sich von selbst. Sie würde tautologisch eine Geschichte noch einmal erzählen, die soeben zu Ende gegangen ist. Und dass der Regisseur Hans Neuenfels der ruckartig ins Überpersönliche gehobenen, weltumarmenden Moral von der Geschichte nicht recht über den Weg traut, stattdessen lieber die akkurat ge-zeichneten Figuren im Auge behält, ist der größte, aber beileibe nicht einzige Vorzug seiner mit Ausstatter Reinhard von der Thannen erarbeiteten Fidelio-Produktion an der Hamburgischen Staatsoper.

Nicht nur, dass er die einem schmerzhaften und gefährli-chen Prozess der Individuation ausgesetzte Protagonistin vor der Vereinnahmung durch ein wenn auch universalistisch verstandenes Kollektiv in Schutz nimmt. Auch die Singspielfiguren Marzelline (allerliebst selbstbewusst: Aleksandra Kurzak) und Jaquino (ein Spanier vom gegelten Scheitel bis zu den Lack-schuhen: Christian Baumgärtel) begreift Neuenfels als Bewohner eines beethovenschen Kosmos, in dem ausnahmslos alle ein Anrecht auf Partizipation an der bürgerlichen Aufklärung haben.

Auch und gerade der bedingt widerstandsfähige Kerkermeister Rocco, den Hans-Peter König mit schön geführtem Bass mit einer bürgerlichen Würde ausstattet, die ihn beinah ins Zentrum der Aufführung rückt. Selbst der eitle Narziss Pizarro, von Falk Struckmann als stimmgewaltiger Weißclown des großen Staatsschauspiels gegeben, erscheint als jene Kraft, die zwar das Böse will, aber doch das Gute schafft.

In dieser künftigen Zivilgesellschaft wird das hohe Paar seine Rolle erst noch finden müssen. Neuenfels macht ihm Mut: Abseits vom hohen Sockel, unbeschwert von der großen Idee, lebt sich's entschieden angenehmer. Und hätte es aus dem Graben nicht manchmal nach Generalprobe geklungen, wäre es eine große Aufführung gewesen. (Oswald Demattia/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 4. 2004)

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