Flucht nach England

16. April 2004, 21:13
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Das Jüdische Museum widmet sich in einer Ausstellungsreihe der "Musik des Aufbruchs" - Auftakt mit Komponisten Hans Gál und Egon Wellesz

Wien - Im letzten Jahr war das Jüdische Museum der Stadt Wien mit der erfolgreichen Ausstellung Quasi una fantasia dem jüdischen Beitrag zum Weltruhm der Musikstadt Wien nachgegangen; ermordete und vertriebene Wiener Künstler wurden in Erinnerung gerufen. Nun stellt die Dokumentation Continental Britons: Hans Gál und Egon Wellesz den Auftakt zu einer sich über zwei Jahre erstreckenden Reihe von Ausstellungen dar, die um die Aufarbeitung der jüngeren Musikgeschichte Wiens bemüht sind. Motto dieser Reihe, die mit Franz Schreker fortgesetzt wird: "Musik des Aufbruchs".

In den Lebensläufen der zwei vorgestellten Komponisten finden sich erstaunliche Parallelen. Die Eltern der beiden Ende des vorletzten Jahrhunderts geborenen Musiker stammen aus dem ungarischen Teil der Donaumonarchie: Gáls Vater war Arzt, jener von Wellesz Textilunternehmer. Beide studierten Musikwissenschaften bei Guido Adler, lehrten am Neuen Wiener Konservatorium und konnten in der Zwischenkriegszeit auf deutschen Bühnen mit ihren Musiktheaterwerken große Erfolge feiern. Kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich flohen Gál und Wellesz nach Großbritannien. Wellesz - ihm war 1932 aufgrund seiner herausragenden musikwissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet der byzantinischen Musik ein Ehrendoktorat der Universität von Oxford verliehen worden - hatte es in der Anfangszeit dank seiner akademischen Verbindungen in England leichter als Gál.

Feindliche Ausländer

Dennoch wurde Wellesz, wie auch Gál, zu Kriegsbeginn als "enemy alien", als feindlicher Ausländer inhaftiert. Gál komponierte auch während seines halbjährigen Zwangsaufenthaltes auf der Isle of Man weiter, Wellesz' kompositorische Stimme verstummte während der Zeit des Zweiten Weltkriegs fast völlig.

Nach Kriegsende blieben beide in Großbritannien, Gál lehrte ab 1945 an der Universität von Edinburgh, Wellesz am Lincoln College in Oxford. Beiden gelang der Aufstieg in die Elite des britischen Musiklebens. Während Wellesz' Kompositionsstil (er hatte seinerzeit bei Arnold Schönberg studiert) in seinen späten Jahren zunehmend radikaler, expressionistischer wurde, blieb Gál seiner traditionell tonal orientierten Tonsprache bis ins hohe Alter treu.

Die von Michael Haas und Marcus C. Patka kuratierte Ausstellung präsentiert eine Fülle von Zeugnissen, Partituren, Fotografien und Handschriften aus dem Leben von Gál und Wellesz; mit einem Audioguide kann der Besucher Hörbeispiele von Werken der beiden Komponisten abrufen, die dem jeweils präsentierten Zeitabschnitt entsprechen (dem Katalog liegen zudem zwei CDs bei). Die von Thomas Geisler setzkastenartig gestaltete Schau ist bis 2. Mai zugänglich. Eine Reihe von Konzerten im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse und im Arnold Schönberg Center widmet sich dem kammermusikalischen Schaffen der beiden Musiker. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 4. 2004)

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