Kopf des Tages: Ewiger Rebell ruft Afghanen zum Aufstand auf

16. April 2004, 15:50
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Ehemaliger Mudjahedin-Führer und Ex-Premier Gulbuddin Hekmatyar

Gulbuddin Hekmatyar galt bereits als Figur der blutigen Geschichte Afghanistans. Ein inzwischen beleibter 57-Jähriger, der, wenn kein Fotograf in der Nähe war, eine dicke Brille trug und an dem alles "ehemalig" war: ehemaliger Mudjahedin-Führer, der in den 80er-Jahren gegen die sowjetischen Besatzer kämpfte. Ehemaliger Premier Afghanistans, der sich mit rivalisierenden Mudjahedin-Fraktionen blutige Kämpfe lieferte und dabei Kabul zerstörte, bis er 1996 von den Taliban vertrieben wurde.

Doch als er nun die Afghanen zu einem Aufstand gegen die USA nach irakischem Vorbild aufrief, hatte dies starkes Echo. Die US-Regierung hat den im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermuteten Warlord schon 2003 auf die Liste der meistgesuchten Terroristen gesetzt.

Der 1947 in Kunduz geborene paschtunische Bauernsohn absolvierte in den 60er-Jahren eine Militärausbildung. Danach wechselte an die Uni Kabul, begann ein Ingenieursstudium und schloss sich islamischen Fundamentalisten an. Er musste die Uni verlassen, nachdem er angeblich westlich gekleidete Studentinnen mit Säure attackiert hatte.

Als sich der Widerstand gegen die Kommunisten, die sich in Kabul an die Macht geputscht hatten, im pakistanischen Exil formierte, schuf Hekmatyar 1977 die "Hezb-e Islami" ("Islamische Partei"), die stärkste Mudjahedin-Fraktion. Von Pakistans Geheimdienst und vom Saudi Bin Laden unterstützt sowie mit US-Waffen ausgerüstet, kämpften die Männer des "Ingenieurs" gegen die Sowjets, die 1988 abzogen. Je näher die Islamisten den Sieg vor Augen hatten, desto heftiger kämpften sie gegeneinander. Hekmatyar tat sich mit dem usbekischen General Rashid Dostum zusammen, der zuvor im Sold des KP-Regimes gestanden war. Ihr Hauptgegner war Burhanuddin Rabbani, später ein Führer der Nordallianz.

Als die noch radikaleren Taliban die Mudjahedin 1996 vertrieben, ging Kurzzeit-Premier Hekmatyar erneut ins Exil. Die Jahre bis zum Sturz der Taliban Ende 2001 verbrachte der Vater von fünf Kindern in Teheran. Noch während die USA ihren Feldzug gegen die afghanischen Quartiergeber des 9/11-Masterminds Bin Laden führten, sprach sich Hekmatyar vehement gegen sie aus - und verschwand im Untergrund. Als gegen den neuen Präsidenten Afghanistans Hamid Karsai 2002 ein Mordversuch unternommen wurde, galt Hekmatyar als Hintermann. Die USA, die auch schon eine Rakete aus einem unbemannten Flugzeug auf ihn abfeuerten, glauben, dass er nun mit Überresten der Taliban kooperiert.

Zeitgleich mit Hekmatyars Aufruf zum Aufstand machte allerdings auch einer seiner früheren Kampfgefährten von sich reden: General Dostum lieferte sich im Norden Afghanistans Gefechte mit dem alten Widersacher Rabbani. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

Von Erhard Stackl
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