Analyse: Muktada al-Sadr ist den iranischen Mullahs nicht geheuer

14. April 2004, 18:01
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Für die US-Vorwürfe, der Schiitenaufstand im Irak sei von Teheran gesponsert, fehlen Belege - und vieles spricht dagegen

Wien - Ein - sonst eher für die nahöstliche Perzeption typisches - Muster durchzieht heute die US-Sicht auf den Irak: Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann sind Ausländer am Werk - auch wenn die Legionen islamistischer Extremisten aus aller Herren Länder, die angeblich im Irak kämpfen, bisher kaum empirisch belegt sind. Dass der Widerstand in Falluja ganz "irakisch" ist, steht außer Debatte, bei den Schiitenunruhen kann man aber auf einen verlässlichen Feind zurückgreifen: Muktada al-Sadr sei eine iranische Kreatur, heißt es, die Aufstände seien von Teheran aus gesteuert.

Tatsächlich könnte man spekulieren, dass alles, was den USA im Irak Böses widerfährt, Teheran freut, auch aus praktischen Gründen, weil es die US-Lust auf weitere Abenteuer dämpft. Es stimmt auch, dass der Iran die Möglichkeit nützt, die alten religiösen - und politischen - Bande in den Irak wieder zu knüpfen. Die heiligen irakischen Städte sind voll von Pilgern aus dem Iran - wo es ja kaum Stätten von derartiger religiöser Bedeutung gibt -, und dass dort der iranische Geheimdienst präsent ist, ist schon klar.

Die Sache mit Muktada al-Sadr - dessen Anhängerschaft übrigens zum Teil von einem antiiranischen Rassismus geradezu trieft, typisch für das städtische Proletariat - ist aber viel komplexer: Er wurde zwar anfangs von Ayatollah Kazem al-Haeri, der im iranischen Ghom sitzt, jedoch irakischstämmig ist, protegiert. Da besteht eine alte Verbindung: Haeri ist derjenige Marja (schiitische Lehrinstanz), der die Anhänger von Muktadas Vater, Mohammed Sadik al-Sadr, "geerbt" hat. Es heißt aber, dass Haeri durch die Radikalität Muktadas bald ernüchtert war: Dieser hatte im Herbst versucht, die Imam-Hussein-Moschee in Najaf, die unter der Kontrolle von Ayatollah Ali Sistani steht, an sich zu reißen (mit all ihren Einnahmen, da geht es um viel Geld!). Das war seinen iranischen Freunden zu viel: Theologisch zweifelhafte Jungspunde, die die Alten wegräumen wollen, sind ihnen aus guten Gründen nicht geheuer.

Muktada wurde auch nicht vom iranischen Präsidenten Mohammed Khatami empfangen, als er Teheran besuchte - sehr wohl aber später vom mächtigen Vorsitzenden des Schlichtungsrates, Expräsident Hashemi Rafsandjani. Die Dichotomie der iranischen Politik ist ja bekannt. Dass die meisten iranischen Mullahs, die ihren Einfluss im Irak geltend machen wollen, auf Stabilität und den verlässlichen - iranischstämmigen - Sistani setzen, daran haben Insider trotzdem kaum Zweifel. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

von Gudrun Harrer
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