Die Warlords sind zurück

16. April 2004, 15:50
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Neu ausgebrochene Kämpfe der Kriegsherren und Angriffe der Taliban: Afghanistan ist immer noch Nebenschauplatz des Antiterrorfeldzugs

Für Richard Clarke, den früheren Antiterrorberater im Weißen Haus, war alles ohnehin nur ein Testlauf für den späteren, längst geplanten Krieg im Irak. Afghanistan und den Sturz des Taliban-Regimes, so sagt er heute, habe die Regierung von US-Präsident George W. Bush nur als Umweg nach Bagdad betrachtet: Pentagon-Chef Rumsfeld wollte eine Art Labor für sein neues Konzept der "schlanken Kriegsführung" und die Regierung insgesamt auf keinen Fall in Afghanistan versinken wie einst die Russen.

Die neu ausgebrochenen Kämpfe der Warlords und Angriffe der radikalislamischen Taliban zeigen, dass Afghanistan auch zweieinhalb Jahre nach dem US-geführten Krieg seinen Status als lästiger Nebenschauplatz des Antiterrorfeldzugs nicht losgeworden ist. Abdul Rashid Dostum, der usbekischstämmige General, überrannte Faryab, eine kleine Provinz im Nordosten des Landes, und lässt nun seine Truppen vor Mazar-e Sharif gegen Kabul-loyale Einheiten kämpfen. In der südlichen Provinz Paktika vertrieben die Taliban in drei Bezirken gerade Truppen und Verwalter der Zentralregierung. Gulbuddin Hekmatyar schließlich, Milizenchef und früherer Premier, rief die Afghanen auf, sich wie die Iraker gegen ihre Besatzer zu erheben.

Neues Risiko für Nato

Für die Nato droht sich mit der jüngsten Entwicklung noch schneller als erwartet - oder befürchtet - die Prophezeiung ihres Generalsekretärs Jaap de Hoop Scheffer zu erfüllen, wonach in Afghanistan die Zukunft der Allianz insgesamt auf dem Spiel stehe. Im August 2003 übernahm die Nato das Kommando der seit Ende 2001 mit einem UN-Mandat operierenden Schutztruppe Isaf. Es ist der erste Nato-Einsatz außerhalb Europas.

Anfang April dieses Jahres beschloss die Allianz eine Ausweitung der Afghanistan-Mission. Ziel ist es vor allem, den Einflussbereich der Regierung von Präsident Hamid Karsai über die Hauptstadt Kabul hinaus auszudehnen. Dazu sollen weitere regionale Aufbauteams (Provincial Reconstruction Teams/PRT) installiert werden.

Diese gemischten militärisch-zivilen Einheiten mit jeweils rund 200 Soldaten sollen den Aufbau einer staatlichen Infrastruktur fördern, entsprechende Entwicklungsprojekte betreiben und örtlich tätige Hilfsorganisationen schützen.

Derzeit stellt die 6500 Mann starke Isaf nur ein PRT, und zwar in Kundus im Norden unter deutscher Führung. Zwölf sind für die US-geführten Truppen der Operation "Enduring Freedom" im Einsatz. Bis Mitte des Sommers soll die Zahl der PRTs auf 21 erhöht werden, wobei fünf der zusätzlichen Teams auf die Nato entfallen: zwei im Norden und drei im Westen mit kleineren Vorposten in Herat und Mazar-e Sharif. Dass gerade in diesen Regionen jetzt verschärft gekämpft wird, dürfte die Bereitschaft von Nato-Mitgliedern zu stärkerem militärischen Engagement aber kaum erhöhen.

Diese Bereitschaft war schon bisher eher bescheiden - was Generalsekretär de Hoop Scheffer denn auch zu dramatischen Appellen bewog. Benötigt werden vor allem Hubschrauber. Hier hat Griechenland eine ursprüngliche Zusage mit der Begründung zurückgezogen, es brauche die Helikopter für den Antiterrorschutz für die Olympischen Spiele in Athen in diesem Sommer. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

Von Markus Bernath und Josef Kirchengast
  • Polizisten aus Kabul bei ihrer Ankunft in der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif, wo sie gegen die Truppen von General Dostum kämpfen sollen.
    foto: epa/olivier matthys

    Polizisten aus Kabul bei ihrer Ankunft in der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif, wo sie gegen die Truppen von General Dostum kämpfen sollen.

  • US-Soldaten auf Patrouille in der südafghanischen Provinz Kandahar, wo Taliban- und El-Kaida-Kämpfer nach wie vor aktiv sind.
    foto: epa/olivier matthys

    US-Soldaten auf Patrouille in der südafghanischen Provinz Kandahar, wo Taliban- und El-Kaida-Kämpfer nach wie vor aktiv sind.

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