Vorahnungen von 9/11 in Afghanistan

16. April 2004, 15:50
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Gescheiterte Gespräche der USA mit den Taliban im Sommer 2001 waren ein Signal

Was wusste Bush über die Vorbereitungen von El-Kaida in Afghanistan zu einem Terroranschlag in den USA? Wann begann die Bombe, die zu den Anschlägen vom 11. September 2001 führte, zu ticken? Seit der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf, der Irakkrieg und die Rückschläge, die die US-Armee einstecken muss, einige Zungen in Washington gelockert haben, fällt auch mehr Licht auf das sonderbare Dreieck "Irak, Afghanistan und 9/11".

Mehr als dreißigmal hat die US-Regierung zwischen September 1996 und dem Sommer 2001 mit dem Taliban-Regime in Kabul über eine Auslieferung von Osama Bin Laden verhandelt, wie ein Anfang dieses Jahres veröffentlichtes Memorandum des State Departments zeigte.

Vertreter der Bush-Regierung trafen sich nach dem Machtwechsel im Weißen Haus im Jahr 2001 dreimal mit den Taliban - am 8. Februar, 19. März und 2. Juli. Als ein Stellvertreter des afghanischen Außenministers dann dem US-Botschafter in Islamabad erklärte, Bin Laden sei nicht "verurteilt" worden, und Kabul "betrachte ihn weiter als unschuldig", sah Washington die Gespräche mit den Taliban endgültig als gescheitert an. Andere, militärische Optionen mochten nun in den Vordergrund rücken. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, im Juli 2001, konnte sich aber auch El-Kaida, die über die Gespräche der Taliban mit Washington informiert war und die Folgen eines Scheiterns mitkalkulierte, zu einem Schlag entschlossen haben.

"Den 11. September", so kommentierte der STANDARD bereits im November 2001, "kann man dann auf zweierlei Art in diesen Kontext einordnen: Entweder die USA ahnten, dass die Uhr tickte, und hofften, den Zeiger anhalten zu können. Oder Osama weckte seine Schläfer eben deshalb, weil er wusste, dass es ohnehin zur Konfrontation kommen würde."

Ebendies haben Aussagen des nationalen Sicherheitsberaters Stephen Hadley vor der 9/11-Kommission nun belegt: Bereits im Juni 2001 zirkulierte im Weißen Haus der Entwurf einer Präsidialdirektive für einen militärischen Schlag gegen El-Kaida und einen gewaltsam herbeigeführten Sturz des Taliban-Regimes.

Warnungen ignoriert

Gleichzeitig hat es an Warnungen deutscher und französischer Geheimdienste an die US-Regierung nicht gemangelt; auch der deutsche Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, soll in einem Fall vorstellig geworden sein. Erkenntnisse aus der Überwachung islamistischer Gruppen in Deutschland wurden aber in Washington nicht wahrgenommen (Gerfried Sperl, Die umgefärbte Republik).

Rückblickend liest sich 2001 ohnehin wie ein Sommer der Terrorwarnungen. Am 22. Juni gab die US-Regierung eine weltweite Warnung an ihre Bürger aus, am 18. Juli sprach sie von drohenden Anschlägen auf der saudischen Halbinsel. Ein Korrespondent des arabischen Satellitensenders MBC berichtete am 24. Juni von einem Treffen mit Bin Laden und dessen Gefolgsleuten: "Alle versicherten, dass wir in den nächsten beiden Wochen eine große Überraschung erleben werden." Es werde ein schwerer Schlag gegen die Interessen der USA und Israels erwartet. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

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