Lob der Fadesse

13. April 2004, 17:29
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Über die Öde von Präsidentschaftswahlkämpfen zu räsonieren gehört zum guten Ton - Kolumne von Günter Traxler

Über die Öde von Präsidentschaftswahlkämpfen zu räsonieren gehört zum guten Ton und ist die allerödeste Begleiterscheinung dieses politischen Events geworden. Als gehörte es zur Jobdescription eines Staatsoberhauptes, permanent den Charme von Starmaniaken versprühen zu können, wird etwas eingefordert, wovon jene, die sich in solchen Forderungen gefallen, selber nur eine undeutliche Ahnung haben, nämlich was sie von einem Hofburg-Kandidaten erwarten. Wüssten sie das, dann könnte es knapp vor der Wahl kaum noch so viele unentschlossene Wählerinnen und Wähler geben, wie behauptet wird. So schwer sollte es doch nicht sein, sich zwischen einer Person, die wie eine Löwin mit 101 Staatsmännern in deren Sprache kämpft und jemandem, der – etwas unzeitgemäß – daran erinnert, dass Politik ein Gewissen brauche, zu entscheiden.

Wem das zu wenig ist, der mag Orientierungshilfe in der politischen Herkunft der Kandidaten finden. Die wird zwar im Hinblick auf die geforderte Überparteilichkeit des höchsten Amtes der Republik heruntergespielt, aber es ist ja nichts, wofür man sich genieren müsste. Wer die Speed- Kills-Politik Wolfgang Schüssels schätzt, wird auch sein kampflächelndes Angebot zu schätzen wissen, wer die betuliche Opposition dazu vorzieht, findet in Heinz Fischer einen Kandidaten, bei dem er sicher sein kann, kein Risiko einzugehen.

Keine Experimente! – Das war in grauen Vorzeiten der Zweiten Republik, als Präsidentschaftswahlkämpfe statt mit Herz noch offen politisch geführt wurden, ein Slogan, dem man Gewicht beimaß. Das ist zum Glück vorbei, seit die Politik dieses Amt an höhere Beamte des Außenministeriums abtrat. Pragmatisierung und Experimentierfreude sind ja Erscheinungen, die üblicherweise nicht gemeinsam auftreten – und wer konnte auch vor zwölf Jahren ahnen, welche Qualen die Experimente mit dem Slogan "Macht braucht Kontrolle" dessen Erfindern bereiten würden? Haben sie gelernt? Nein, schon wieder jemand aus dem Außenamt!

Das Gedächtnis erhabener Vorgänger im Amt war auch so eine Hilfe, die dem Publikum früher die Entscheidung erleichtern sollte. "Ein Präsident wie Renner, Körner, Schärf, Jonas" konnte man da hören. Heute undenkbar. Den Sozialdemokraten verbietet der zeitliche Abstand eine Reaktivierung ihrer Sagengestalten, aber dass nun Frau Benita nicht als "Eine Präsidentin wie Waldheim und Klestil" angepriesen wird, ist eine Schmach, die das Außenamt nicht verdient hat.

Schließlich war einst auch die Gleichgewichtsparole eine gewisse Wahlhilfe, damals, als die ÖVP auf den Bundeskanzler abonniert war. Aber auf eine solche politische Stabilität setzt die SPÖ lieber nicht mehr: Alfred Gusenbauer ist es glatt zuzutrauen, auch dann Bundeskanzler werden zu wollen, wenn Heinz Fischer in der Hofburg sitzt.

Bot dieser Präsidentschaftswahlkampf bisher also nicht all zu viele Entscheidungshilfen – so fad, wie getan wird, war er auch wieder nicht. Vor allem die ÖVP-Kandidatin hat sich zu Recht immer wieder gerühmt, "durchaus lustiger" als ihr Mitbewerber zu kämpfen. So nannte sie ihr Weblog ein "lustiges Element". Fast schade, dass es nicht gewählt wird. Und der Leserbrief an die Krone, in dem Frau Lotte Ingrisch am Wochenende den bösen Dämon HeiFi auszutreiben suchte, hat den Kenner entzückt. Auch wenn es so klang – es müssen ihn nicht Benitas Wahlhelfer diktiert haben. Eher werden es wohl Stimmen aus dem Jenseits gewesen sein.

Gewiss wäre der Wahlkampf noch lustiger ausgefallen, wenn sich Frau Ferrero-Waldner nicht nur einmal, sondern öfter einer Diskussion mit Heinz Fischer gestellt hätte. Aber da haben ihre Helfer vorsichtshalber lieber das Lob der Fadesse gesungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

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