Interview: Mit Molekülen jonglieren

18. April 2004, 22:18
posten

Emil List arbeitet als Leiter eines Doppler-Labors dort, wo das Auge ohne Hilfe längst streikt: im Millionstel-Millimeter-Bereich

STANDARD: Was konkret machen Sie am "Christian-Doppler-Labor für neuartige funktionalisierte Materialien"?

Emil List: Wir verändern Materialien in Molekülgröße. Die Materialien sind organische Halbleiter, das sind ganz spezielle Kunststoffe, die durch ihre chemische Struktur ganz bestimmte Eigenschaften haben. Die Grundstruktur wird über die Chemie vorgegeben. Wir beeinflussen jetzt die Anordnung von den Molekülen und kontrollieren damit einige der Eigenschaften, zum Beispiel ihre Leitfähigkeit. Das ist der Kern meiner wissenschaftlichen Arbeit. Gemeinsam mit dem Leiterplattenhersteller AT&S entwickeln wir basierend auf organischen bzw. anorganischen Nanopartikeln eine maßgeschneiderte Tinte, die wir auf die Leiterplatte aufdrucken. So entstehen Bauelemente, die ansonsten aufgelötet werden müssten.

STANDARD: Nanotechnologie wird immer populärer, trotzdem verursacht der Begriff bis heute in der Öffentlichkeit eher Ratlosigkeit. Woran liegt das? Haben Nanoforscher Vermittlungsprobleme?

List: Sie haben nicht mehr und nicht weniger Kommunikationsprobleme als andere Forscher. Aber es ist sicher besonders schwierig, die Bedeutung der Nanotechnologie zu vermitteln, weil die Arbeit im Millionstel-Millimeter-Bereich auf vielen Ebenen neue Möglichkeiten eröffnet. In der Medizin, in der Medizintechnik, in der Informationstechnologie bis hin zum Putzmittel, das streifenfreien Glanz bewirkt. Nanotechnologie ist ein sehr breiter Überbegriff, der in fast allen wissenschaftlichen Disziplinen Eingang findet. Man muss es daher immer sagen, was gemeint ist. Nanotechnologie ist auch interdisziplinär. Das heißt, dass man als jeweiliger Experte die Sprache der anderen verstehen lernen sollte, um eventuelle Kooperationen zu ermöglichen. Chemiker und Physiker zum Beispiel. Das ist nicht ganz einfach, deswegen haben wir auch einen eigenen Lehrgang für Nanoanalytik und Nanotechnologie in Graz ins Leben gerufen.

STANDARD: Im Roman und im Kino hat es ja schon vieles gegeben, was ein vielleicht verfälschtes Bild der Realität in der Nanotechnologie gezeichnet hat - zum Beispiel das U-Boot in der Blutbahn. Stört das nicht die seriöse die Kommunikationsarbeit? List: Mich stört Sciencefiction überhaupt nicht, solange man klar unterscheiden kann zwischen dem, was möglich ist, und dem, was sehr unwahrscheinlich ist. Sciencefiction kann anregend sein, wenn sie gut geschrieben ist. Mich stört es auch nicht, Informationen populär darzustellen. Der Elfenbeinturm, in dem Wissenschafter früher waren, ist ja schon längst Vergangenheit - obwohl manch ein Forscher über Kollegen, die Publicity schätzen, immer noch den Kopf schüttelt. Das ist der falsche Zugang.

STANDARD: Wissenschaft und die Art der Wissensvermittlung sind Bestandteile der Kultur. Sind Sie damit zufrieden, wie das hierzulande funktioniert?

List: Es könnte immer besser sein. Österreich wird schon noch sehr mit traditionellen Kulturbegriffen verbunden. Das ist auch legitim, aber es gibt mehr als das. Um das auch in der Bevölkerung zu ändern, müsste man sich eigentlich schon die Schule genauer anschauen und analysieren, ob der Sachkundeunterricht noch zeitgemäß ist und welcher Begriff von Kultur hier vermittelt wird. Man müsste auch die heimischen Forschungsleistungen in der Öffentlichkeit besser präsentieren. Vieles ist nicht bekannt. Dass wir zum Beispiel mit dem Institut für Festkörperphysik, wo das Doppler-Labor eingerichtet wurde, zu den Top Ten weltweit zählen. Es soll nicht eitel wirken, auch ganz allgemein kann man sagen: In Österreich haben wir in der Forschung gute Leute. Man sollte sie nicht ziehen lassen. Die Gefahr besteht aber, weil die Arbeitsbedingungen oft nicht sehr rosig sind. An den Universitäten herrscht im Großen und Ganzen ein sehr steifes System mit straffen Hierarchien, da ist eine Uni-Karriere schwer vorstellbar. Wobei ich, das muss ich betonen, hier den Glücksfall habe, einen Vorstand zu haben, der selbst ständiges Arbeiten zulässt - das ist leider nicht überall so.

STANDARD: Wie lange dauert eigentlich eine Entwicklung in ihrem Labor?

List: Wir sehen, dass unsere Arbeit am Material Effekte verursacht, ihnen nachzugehen und sie für uns begreifbar zu machen, dauert gut ein Jahr. Also insgesamt kann das schon jahrelange Knochenarbeit sein. Aber es wäre langweilig, alles morgen zu finden. Wäre das möglich, würde der Forschung sehr viel an Spannung abhanden kommen. Da wäre die Kreativität bald am Ende, und man würde schnell wie am Fließband das vierzehnte Material auf der fünfzehnten Oberfläche entwickeln. Das hat auch gesellschaftliche Relevanz: Natürlich wird von Wissenschaftern verlangt, so rasch wie möglich zu Ergebnissen zu kommen, zum Beispiel die Menschheit von allen Krankheiten zu heilen. Wäre das toll! Nur wäre dann auch das Verlangen nach immer neuen Wundern grenzenlos. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

Das Gespräch führte Peter Illetschko
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.