Biete "Hilfe" zum Selbstmord

20. April 2004, 12:38
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Cybercrime in Österreich - An der Spitze Betrug und gefährliche Drohung - Ermittlungen diffizil

Cybercrime im (Schein-)Rückgang? Im Jahr 2003 gab es in Österreich insgesamt 3.335 Anzeigen wegen Delikten in Sachen Computerkriminalität. Im Jahr zuvor waren es 4.785 Anzeigen gewesen. Der Reduktion um 30,3 Prozent stand allerdings auch eine Verringerung der Aufklärungsrate um 18,5 Prozentpunkte gegenüber. Die Dunkelziffern sind hoch, betonten am Dienstag Spezialisten vom Österreichischen Bundeskriminalamt (BK) bei einer Pressekonferenz in Wien.

Kriminalität ins Zimmer holen

"Wer das Internet benutzt, muss damit rechnen, dass er sich die Kriminalität in sein Zimmer holen kann. Er kann aber auch weltweit kriminell tätig werden. (....) Anonymität und Entfernung spielen bei der Internetkriminalität eine große Rolle", erklärte BK-Chef Herwig Haidinger.

Die harten Daten im Detail: Im Jahr 2002 hatte es noch 4.785 Anzeigen wegen Computerkriminalität gegeben. 3.922 Fälle waren aufgeklärt worden. Im vergangenen Jahr waren es 3.335 Anzeigen bei 2.117 aufgeklärten Delikten (Verringerung der Anzeigen um 30,3 Prozent, Rückgang der Aufklärungsquote um 18,5 Prozentpunkte).

Hohe Dunkelziffer

Klaus Mits, Abteilungsleiter für "Kriminalpolizeiliche Assistenzdienste": "Man muss aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer hoch ist." Die Aufklärungsrate von an die 65 Prozent sei trotzdem beachtlich. Expertenappell: Einerseits sollte jedes Unternehmen in Österreich für sich eine IT-Sicherheitspolitik formulieren, andererseits sollte jeder Internet-User sich mit Viren-Scanner und Firewall ausrüsten.

Die Verteilung von Delikten aus dem Jahr 2003 (Anzeigen):

  • 689 Fälle von gefährlicher Drohung

  • 343 Fälle von Betrug

  • 170 Anzeigen wegen pornografischer Darstellung mit Unmündigen

  • 298 Fälle von Geldfälschung

    Den größten Teil machen die Betrugsdelikte aus. BK-Cybercop-Chef Markus Blank: "Die Betrugshandlungen sind zumeist recht simpel. Zum Beispiel bei Auktionen (im Internet, Anm.): Der Versteigerer liefert die Ware nie oder derjenige, der etwas ersteigert hat, zahlt nie." Und schließlich ließen sich ja per Scanner und gutem Drucker auch Euro-Scheine "schaffen".

    Das Jahr der Würmer und Viren

    Für den BK-Computerkriminalitäts-Spezialisten Markus Blank war 2003 vor allem Folgendes: "Das Jahr 2003 war das Jahr der Würmer und Viren." Zwar sind ins österreichische Strafgesetzbuch mit Oktober 2002 mehrere neue Tatgestände aufgenommen worden (z.B. § 118 a - Widerrechtlicher Zugriff auf Daten), doch der Kampf gegen die Computerkriminalität ist und bleibt kompliziert und diffizil.

    So wurden in der gegen die Kinder-Pornografie gerichteten Aktion "Landslide" im Jahr 2002 allein im Raum Wien 414 PCs sichergestellt. Die Gesamt-Datenmenge betrug rund 20.000 Gigabyte, von denen bis Ende 2003 etwa 75 Prozent (auch Datenträger) ausgewertet werden konnten.

    Blank schilderte bei der Pressekonferenz den Fall eines einzelnen Verdächtigen: 120 Gigabyte Datenmaterial - das wäre ein 480 Meter hoher Stapel bedruckter A4-Seiten. Ein Drucker würde dafür vier Monate benötigen. Der Kriminalist: "Allein die Sicherung dieser Daten kann eine Woche dauern."

    Server in Asien und Afrika

    Auch wenn es Spuren im "Netz" gibt, wenn der Server irgendwo in Asien oder in Afrika steht, ist die Verfolgung von Verdächtigen oft schwierig und dauert lange. Laut BK-Chef Herwig Haidinger ist hier auf jeden Fall mehr Kooperation (auch ähnliche Rechtsgrundlagen) über alle Kontinente hinweg notwendig.

    In der EU wird die Arbeit der Beamten der Exekutive, wenn sie erstmals an einen möglichen Tatort gerufen werden, jetzt durch eine von den österreichischen Fachleuten entwickelte Check-Liste für die Sicherung von Beweismitteln leichter gemacht.

    Österreichische Checkliste

    Das Projekt "Seizure of E-Evidence" (E-Beweissicherung; auch auf CD-ROM) basiert auf einer österreichischen Checkliste. Sie wurde im Rahmen eines Projektes, das mit 113.000 Euro von der EU gefördert wurde (Förderanteil rund 60 Prozent), gemeinsam mit deutschen, britischen und schwedischen Stellen sowie Europol und Interpol zu einem "Handbuch" für Europas Exekutivbeamte entwickelt. In Österreich mit dabei war auch das Zentrum für sichere Informationstechnologie (A-SIT) unter Geschäftsführer Manfred Holzbach. An dem Verein sind Bund, Nationalbank und die TU-Graz beteiligt.

    Klaus Mits, BK-Abteilungsleiter für "Kriminalpolizeiliche Assistenzdienste": "Jeder hinterlässt im Internet Spuren. Aber die müssen gefunden, analysiert und ausgewertet werden. Wir wollten den Ersteinschreitern helfen, also jenen Beamten, die als erses am Tatort sind." So kann zum Beispiel schon das einfache Abfotografieren der Steckplätze an der Hinterseite des Computers eines Verdächtigen zu einem hieb- und stichfesten Beweismaterial vor Gericht werden. Einfach Abmontieren hingegen kann Beweismaterial vernichten.

    Biete "Hilfe" zum Selbstmord

    Der überwiegendste Teil der Computerkriminalität spielt sich auf dem Gebiet der Betrugsdelikte ab. Was aber Anonymität und Leichtigkeit des Zugangs zu Informationen im Internet möglich machen, zeigt ein Fall aus Oberösterreich aus dem vergangenen Jahr. Ein Arbeiter wollte zum Selbstmord per Erhängen überreden und Zaudernden dabei sogar physisch behilflich sein.

    Auf der Suche nach labilen Menschen

    "Ein Arbeiter aus Oberösterreich hat sich regelmäßig in Suizid-Foren eingeloggt und versucht, labile Menschen zum Selbstmord zu überreden. In einigen Fällen wär's ihm beinahe gelungen", enthüllte der Chef der Cybercops am österreichischen Bundeskriminalamt, Markus Blank.

    Tipps zum Erhängen

    Das bayrische Landeskriminalamt in München hatten die österreichischen Kriminalisten im Oktober 2003 kontaktiert und darauf hingewiesen, dass ein Internet-User seit Mai des Jahres Suizidgefährdete unter anderem mit Anleitungen Tipps zum Erhängen "versorge". Blank: "Es wurden Telefonnummern ausgetauscht. In einem Fall stand ein reales Treffen im Raum. Der etwa 35-Jährige hat einer Frau sogar angeboten, wenn ihr der Mut (zum Selbstmord, Anm.) fehlen würde und sie es wünsche, würde er mit Hand anlegen."

    Der Mann wurde in der Person eines oberösterreichischen Lagerarbeiters ausfindig gemacht. Blank: "Er hat angegeben, sado-masochistische Neigungen zu haben. Er sagte aber auch, er wollte wissen, wie weit er gehen könne." Konkret wären drei psychisch labile Menschen durch den oberösterreichischen Computer-Kriminellen direkt gefährdet worden.(APA)

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