Verkaufsgespräch im Wohnzimmer

13. April 2004, 21:21
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Der Ab Hof-Verkauf gilt als integrativer Bestandteil der heimischen Wein-Identität. Und dabei strotzt er nur so vor Anachronismen

Kauf-Erotik ist beim Wein ein Faktum, ohne Zweifel. Man hat mehr Beziehung zum erworbenen Produkt, wenn man sieht, wo es erzeugt wurde, in welchem Weingarten die Trauben wuchsen, wie der Mensch aussieht, der seine Gärung überwachte und entschied, wann und in welche Fässer er kommt. Weineinkauf im Supermarkt ist dagegen vergleichsweise anonym, Verkostung nur in Ausnahmefällen möglich, sämtliche für den Kaufentscheid nötige Information muss man aus dem Etikett oder der mageren Aufschrift am Regal zutzeln.

Unterm Strich steht also: Wir lieben es, den Wein direkt beim Winzer zu kaufen, wir lieben das Gefühl, ihm die ganz spezielle Flasche entlocken zu können, es hüpft das Herz im Leibe, wenn wir eine nach unten gerundete Summe bezahlen, wir fühlen uns großartig, wenn uns der Winzer mit Insider-Informationen füttert, die wir dann beim Genuss desselben Weins großspurig an unsere Freunde weitergeben können. Mit dem Effekt, dass immer noch etwa 34 Prozent allen heimischen Weins "ab Hof" gekauft werden.

Was jetzt kein Problem sein sollte, wenn es sich um einen Betrieb handelt, der darauf eingestellt ist, der über einen Verkost-Raum abseits des familiären Wohnzimmers verfügt, bei dem man sich einen Besuchstermin ausmachen kann, bei dem womöglich sogar jemand angestellt ist, sich um kostende und kaufende Konsumenten zu kümmern. Bei österreichischen Top-Betrieben ab einer gewissen Größe ist das durchaus schon der Fall.

Ganz anders freilich bei den nicht so etablierten "Geheimtipps". Die werden nämlich von kost-wütigen Horden hauptsächlich am Wochenende heimgesucht, am liebsten natürlich während der Lesezeit, weil’s da so schön ist, telefonische Terminvereinbarung - aber bitte, ist doch ungemütlich! – braucht man nicht, hätte dafür aber zum reschen Tröpferl schon ganz gerne ein kleines Jauserl, und wenn dann die Stimmung sich anhebt zu steigen, natürlich auch eine kleine Einlage des Winzers mit der Ziehharmonika, wenn’s leicht geht. Weil dafür kauft man ja auch mindestens zwei Doppler oder vielleicht sogar drei, ein bisschen Entertainment und Dankbarkeit sind da dann ja nicht verkehrt, gell?

Die Stunden, die so eine "verkostende" Horde kostet, bringt auch der beim Ab Hof-Verkauf gerne praktizierte Schwarzverkauf nicht wieder herein. Die eleganteste aller Lösungen hat wohl der Willi Bründlmayer zu bieten, in dessen (verpachteten) Heurigen man das gesamte Angebot zu Ab Hof-Preisen erwerben kann; auch die mannigfaltigen Regional- und Orts-Vinotheken schaffen Abhilfe, blöderweise sind die besten Weine der vertretenen Weingüter dort aber halt selten vorrätig. Für die gute Stimmung und das fröhlich genossene Glaserl gibt es jedenfalls zahllose Heurigen und Buschenschenken.

Auch, wenn man glauben möchte, dass die Beschäftigung und die Erzeugung von Wein die schönste und erfüllendste Aufgabe der Welt ist, so ist es für diejenigen, die damit ihr Geld verdienen, letztendlich auch Arbeit. Und von der hat man am Wochenende für gewöhnlich ja ganz gerne seine Ruhe.

Von
Florian Holzer
  • Artikelbild
    foto: tiscover
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