Sanierungsfall Votivkirche: Steindach aus Brasilien

19. April 2004, 21:30
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Wasser dringt in die Votivkirche, weil das Dach nicht mehr dicht ist - Pfarrer Joseph Farrugia denkt über Geldakquise nach

Wasser dringt in die Votivkirche, weil das Dach nicht mehr dicht ist. Wertvolle Malereien bröckeln ab. Nun wird aus Brasilien Schiefergestein importiert, daraus werden aufwändig Dachschindeln geformt. Pfarrer Joseph Farrugia denkt über Geldakquise nach.

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Der "ewige Sanierungsfall" muss noch zwanzig Jahre gepflegt werden, um wieder als schmuckes Kastl an der Ringstraße zu erscheinen. 32 Millionen Euro sind nötig, um die Votivkirche herzurichten. Pfarrer Joseph Farrugia berichtet, dass - nach der Sanierung des Südportals in den vergangenen beiden Jahren - als Nächstes das Dach ausgetauscht werden muss. Regen und Flugschnee dringen bereits ein, das einsickernde Wasser zerstöre die Bausubstanz. So haben im Laufe der Jahre die Malereien an der Decke der Kaiserstiege gelitten.

Aufwändige Dachsanierung

Die Pläne für die Dachsanierung sind aufwändig, weil es das Originalschiefergestein aus einem deutschen Mosel-Steinbruch nicht mehr gibt. Daher weicht man auf Schiefergestein aus Brasilien aus. Aber auch dabei gilt es schwierige Umstände zu bewältigen. Die Steinreserven in dem brasilianischen Steinbruch sind ebenfalls nahezu erschöpft. Das heißt für die Stiftung, die sich um den Erhalt der Votivkirche kümmert, eine letzte Riesenbestellung organisieren zu müssen. Die eingekauften Schieferplatten werden dann innerhalb der nächsten zehn Jahre zum neuen Dach für die neugotische Kirche verarbeitet. Sechs Millionen Euro kostet das.

Erbaut wurde die dreischiffige Basilika ab 1854 aus Dankbarkeit für die Rettung des jungen Kaisers Franz Joseph I. vor einem Attentat. Das Bauwerk nach Plänen von Heinrich Ferstel gilt als bedeutendes Bauwerk des europäischen Historizismus, heißt es beim Bundesdenkmalamt.

Werbung außen

Heuer feiert man in der Pfarre das 125-jährige Weihejubiläum der Votivkirche. Sie bleibt aber ein "Sorgenkind", sagt Harald Gnilsen vom Bauamt der Erzdiözese Wien. Er ist in der Bundeshauptstadt für den Erhalt von 1200 Kirchen zuständig. Zu schaffen macht den Erhaltern der Votivkirche auch die Nähe zum Stephansdom. Für einen der berühmtesten Dome Österreichs seien viele bereit, ins Börsel zu greifen. Da gerät der "kleine Bruder" am Ring leicht ins Hintertreffen.

Joseph Farrugia, in Malta geboren und seit 1968 Pfarrer in Wien, hat deswegen schon vor ein paar Jahren zu unkonventionellen Geldbeschaffungsmethoden gegriffen. Er war einer der Ersten, der erkannt hat, dass sich an den Außenwänden der Kirchen Werbung Gewinn bringend vermarkten lässt. "Zuerst wurde ich verdammt", erinnert er sich der Debatten. "Aber heute sehen Sie ja, wir sind nicht falsch gelegen", sagt er schelmisch, wenn er an die Bankwerbung auf dem Turm zu St. Stephan denkt. Wenn wieder an einer "prominenten Stelle außen ein Gerüst errichtet wird", wird er sich wieder um Werbung kümmern. (aw/DER STANDARD; Printausgabe, 14.4.2004)

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    Die durch Wasserschäden stark beschädigten Malereien an der Decke der Kaiserstiege in der Votivkirche.

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