Der dicke Bauch des antiken Helden

18. April 2004, 22:18
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Das US-Kino behübscht bekanntlich die Geschichte. Die genaue Rekonstruktion besorgen Wiener Forscher mit Analysen von Gladiatorenknochen

Ob Russel Crowe als Gladiator im gleichnamigen Film oder Brad Pitt als Achilles in Troja (Filmstart 14. Mai): Hollywoodstars wirken, wenn sie antike Helden spielen, wie drahtige Kerle nach jahrelangem Training im Fitnessstudio. Jüngste Forschungen haben aber gezeigt, dass sich Gladiatoren vor großen Kämpfen einen Bauch angegessen haben - die Fettschicht diente als Schutz vor Verletzungen der inneren Organe.

Vielleicht wäre auch das Team von Troja gut beraten gewesen, vor Drehbeginn eine Studienreise nach Ephesos zu unternehmen, um das harte Los der antiken Haudegen einigermaßen geschichtstreu auf die Leinwand zu bringen. Denn in der einstigen Metropole an der türkischen Westküste, in der Archäologen seit über hundert Jahren arbeiten, läuft derzeit eine Sonderausstellung über die Geschichte der römischen Gladiatoren.

Todesmutige Kämpfer

Die Schau zeigt die streng regulierte Lebensweise der todesmutigen Kämpfer, der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann führt zudem in die diversen Kampftechniken der Helden der Arena ein: Die Gladiatur war nämlich kein wildes, blutrünstiges Gemetzel wie in Ridley Scotts Verfilmung, sondern ein sehr konservativ betriebener, nach genauen Regeln funktionierender Kampfsport, deren Einhaltung von Schiedsrichtern überwacht wurde.

Die Ausstellung wurde ermöglicht durch die Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Archäologischen Institut und dem Wiener Institut für Histologie: Mithilfe modernster anthropologisch-medizinischer Analysemethoden haben die Anthropologen Karl Großschmidt und Fabian Kanz die Verletzungen an den Skeletten der Gladiatoren dokumentiert. "Jede regelmäßige körperliche Tätigkeit und jede grobe Verletzung hinterlässt Spuren auf den Knochen, etwa in Form von Auswüchsen, Deformationen oder Narben", sagt Großschmidt. Aufwändige Verfahren sind nötig, um die Geheimnisse eines Skelettes zu entschlüsseln: Zuerst werden die Knochenscheiben in Kunstharz eingebettet, anschließend mit Spezialschleifmaschinen hauchdünn geschliffen, röntgenisiert und mit einem eigens dafür eingerichteten Mikroskop digitalisiert.

Einmal im Computer gespeichert, beginnt die Feinanalyse mit der Morphometriesoftware. "Damit können wir Aussagen über die Lebensweise, die erlittenen Krankheiten und Verletzungen treffen", sagt Fabian Kanz. Mit- hilfe zerriebener Knochen- partikel konnten auch Rückschlüsse auf die Ernährung der antiken Superhelden gewonnen werden: So dürften die Gladiatoren in Ephesos vorwiegend Vegetarier gewesen sein. Auch Stress- und Hungerphasen sind in der Knochensubstanz messbar, bei weiblichen Skeletten können Schwangerschaften und Stillphasen feststellt werden.

Umrisse aufgezeichnet

Das jüngste Vorhaben, an dem Kanz und Großschmidt gerade tüfteln, ist der so genannte "telemetrische Profilkamm". Mit den feinen, beweglichen Stahlstiften dieses Messgeräts können die exakten Umrisse von Fundstücken ermittelt werden. Die "telemetrische" Innovation: Die Umrisse werden von einer Videokamera aufgezeichnet und digital gespeichert. Auf diese Weise werden Knochen zu Datensätzen - und Ausgrabungsstätten zu Datenbanken. Setzt sich diese technische Neuerung durch, könnten Funde ohne viel Aufwand dokumentiert und archiviert werden, per Mausklick wären zuverlässige Informationen über Alter, Geschlecht und Größe der Knochen abrufbar.

Hollywood schert sich indes nicht um Forschungsergebnisse von zwei Wissenschaftern aus Wien. Es wird wohl noch geraume Zeit dauern, bis Stars mit Fettbäuchen und simulierten Knochendeformationen gegeneinander im Circus Maximus antreten werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

Von Petra Rathmanner
  • Brad Pitt zeigt demnächst im Kino wieder einmal, wie Hollywood sich die Antike vorstellt.
    foto: der standard/warner

    Brad Pitt zeigt demnächst im Kino wieder einmal, wie Hollywood sich die Antike vorstellt.

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    Gladiatoren waren wohl beleibt, sagen Forscher. Im Film ist das natürlich nicht so passend.

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