Pressestimmen: Bushs Devise sei "Augen zu und durch"

14. April 2004, 13:21
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"Guardian": Dinge werden sich wohl erst verschlimmern - "ABC": Terror hat auch etwas Positives

London/Paris/Madrid/Moskau/Bern - Zahlreiche internationale Tageszeitungen beschäftigen sich am heutigen Dienstag mit der Lage im Irak nach erneuten Kämpfen und Geiselnahmen. Der Londoner "Guardian" schreibt, dass sich "die Dinge wohl erst einmal verschlimmern" werden. Die "Basler Zeitung" kritisiert, dass US-Präsident George W. Bush nach der Devise "Augen zu und durch" vorgeht, die monarchistische spanische "ABC" kann dem Terror auch etwas Positives abgewinnen. Schließlich sei er "stets die Waffe der Verzweifelten".

"The Guardian":

"Im Irak gestehen die meisten Beobachter ein, dass sich die Dinge wohl erst einmal verschlimmern, bevor es besser wird. Aber es ist wichtig, die schlimme Seite nicht zu übertreiben und die echten Anzeichen dafür nicht zu verpassen, dass es letztlich leichter werden könnte. Das Gesamtbild ist nach Angaben glaubwürdiger Quellen nicht so grausig wie auf einigen jüngsten Titelseiten dargestellt. (...) Wie gewöhnlich werden größere Forderungen an die Rolle (Premierminister Tony) Blairs laut, als dieser möglicherweise erfüllen kann - nicht zuletzt durch Blairs eigene Rhetorik - aber die zentralen Tatsachen bleiben bestehen. Alle aktuellen Alternativen sind schlechter als der Kurs, den er eingeschlagen hat. Der einzig praktikable und prinzipielle Kurs ist, ihm den Rücken zu stärken, wenn auch ohne jede Illusion".

"Basler Zeitung":

"Seit Jüngstem erschweren Geiselnahmen die US-Mission und ziehen unbeteiligte Nationen wie Deutschland oder China in den Konflikt. Dieser wird damit ganz anders internationalisiert, als es die Befürworter einer stärkeren Rolle der UNO seit langem fordern. Gleichzeitig rückt das Datum der Machtübergabe in Bagdad näher, doch wie die neue Übergangsregierung aussehen soll, ist in Washington unklar. Kriegspräsident George W. Bush handelt nach der Devise "Augen zu und durch". Er betet für die Soldaten an der Front, die längst nicht mehr bestehen sollte, und er verleiht Orden an Verwundete. Aber er kann nicht sagen, wann die Kampfhandlungen, die er vor knapp einem Jahr für beendet erklärt hat, wirklich enden werden. ... Tatsache ist: Bush hat gar keine andere Wahl. Er kann nicht zum Rückzug blasen, weil das für die USA und für ihn persönlich ein Scheitern auf der ganzen Linie bedeuten würde. Die Supermacht darf jetzt keine Schwäche zeigen, sonst sind die Folgen für sie selbst und für den Irak und die Region unabsehbar."

"ABC":

"Viele im Westen bezeichnen die Gewalttaten und Entführungen im Irak als Widerstand. Aber jeder Überlebende der französischen Resistance gegen das deutsche Nazi-Regime würde Abscheu empfinden, mit den Mördern im Irak in einen Topf geworfen zu werden. Die Gewalttäter im Irak sind keine Widerstandskämpfer, sondern Terroristen. Sie greifen schutzlose Zivilisten an, um auf diese Weise Regierungen zu erpressen. Die Eskalation der Gewalt hat auch eine positive Seite. Denn der Terror ist stets die Waffe der Verzweifelten."

"Russki Kurjer":

"Diesen Konflikt kann man als dritten Irak-Krieg bezeichnen. Er unterscheidet sich grundlegend von den beiden ersten. Dieses Mal haben sich überall im Land kleine Partisanengruppen gebildet - von den Schiiten bis zu den islamistischen Kurden. Hinzu kommen noch die internationalen Terrorgruppen, die mit den Rebellen zusammenarbeiten. Auch ausländische Entführungsopfer waren in den vergangenen Kriegen im Irak nicht zu beklagen. Damals gab es nur Kriegsgefangene."

"Le Figaro":

"In einer perfekten Welt hätte George W. Bush diese Woche damit verbracht, seine Verbündeten für die nächsten Etappen seines Projektes eines "Großen Mittleren Ostens" zu mobilisieren: den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern und die Demokratisierung der Region. Stattdessen ist er von der Spirale der Gewalt im Irak destabilisiert und bereitet sich darauf vor, Ariel Sharon die Zügel zu übergeben und die Kollateralschäden so weit wie möglich zu begrenzen. ... Praktisch alle arabischen Führer blicken mit kritischem Auge auf den Mieter des Weißen Hauses, der ihnen Lektionen in Demokratie erteilt, aber unvorsichtigerweise im Irak ein Chaos anrichtet und fast blind Ariel Sharon unterstützt."

"Le Monde":

"Nach dem 11. September hat sich George W. Bush als der Chef im Krieg gegen den Terrorismus dargestellt. Doch vorher hatte er kaum Interesse an diesem Thema. Mit seinen außenpolitischen Beratern hatte er völlig andere Prioritäten: die Raketenabwehr, das Aufkommen Chinas als möglicher Rivale der USA, Russland und schon den Irak aus Gründen, die mit dem Terrorismus absolut nichts zu tun hatten. ... Der Wille, "das Fremde und Unwahrscheinliche" vorauszusehen, hat die Regierung Bush nicht daran gehindert, in traditionellen Begriffen zu denken, als sie die möglichen Bedrohungen ins Auge fasste. Hier liegt ihr Fehler. Und diese Lehre gilt nicht nur für George W. Bush und seine Freunde." (APA)

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