...und Mirjam schlug auf die Pauke

16. Juni 2004, 15:32
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Von rebellischen Vorbildern und gesellschaftlichen Korsetten - ein feministischer Streifzug durch die Bibelgeschichte

Wird Ester oder Judith Königin? Wie hieß der Sohn von Sara? Von wem wird Tamar schwanger? Wer war die Schwiegermutter von Ruth? Und wer Rahel, Lea, Jefta und Isebel? – Viele Fragen, hinter denen sich die abenteuerlichsten Geschichten verbergen. Und viele Einzel-Schicksale: Ob Prophetin, Mutter, Tochter, Kriegerin, Königin oder Mädchen von der Straße - viele der Frauen in der Bibel waren an namhaften Ereignissen beteiligt, trotzdem blieben sie in der patriarchalen Kirchenpraxis häufig unerwähnt oder spielten nur eine unbedeutende Rolle. Männer galten als von Gott bevorzugt, die im biblischen Text belegte grundsätzliche Gleichstellung der Geschlechter wurde gerne unter den Tisch gekehrt. Erst die Feministische Theologie im 20. Jahrhundert setzte sich gebührend damit auseinander.

Um die persönlichen Frauenschicksale der Bibel zu verstehen, will auch die Bedeutung des Frau-Seins zur jeweiligen biblischen (Zeit-)Epoche verstanden sein. Viele Texte, in denen der gesellschaftliche Zusammenhang klarer wird, sind jedoch verloren gegangen oder – teils mit Absicht – nicht in die Bibel aufgenommen worden. Zum Beispiel solche, in denen Frauen eine führende Rolle spielen. Deshalb werden in der Bibelforschung immer häufiger neben den klassischen Originaltexten noch andere historische Schriften zum besseren Verständnis herangezogen. Viele der Frauenfiguren werden dadurch heute „greifbarer“.

Frauen im Alten Testament

Die Frauen des Alten Testaments hatten vor allem mit den Regeln der Gesellschaft und den damaligen Lebensformen zu kämpfen. So galt im etwa die Familie als grundlegende Lebensform, die Großfamilie unterstand der väterlichen Gewalt. Heiraten und Kinder zu bekommen waren der vorgezeichnete Lebensweg, die Stellung der israelitischen Frau war stark von ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter geprägt. Die Abmachung der Eheschließung war Sache des Vaters oder Bräutigams, die Braut selbst wurde nicht beteiligt. Nach der Heirat galt der Mann als „Herr“ der Frau – die Polygamie war legitim und weit verbreitet. Töchter, die als Sklavinnen verkauft wurden, durften nicht freigelassen werden. Die Frauen aßen nicht mit den Männern zusammen und es war ungehörig, Frauen – selbst die eigene - auf der Straße anzusprechen. Die gesellschaftliche Stellung der Frau hing häufig davon ab, ob sie Haupt- oder Nebenfrau war und ob sie ihrem Mann Söhne als „Lebensversicherung“ geboren hatte. Wenn nicht, konnte der Mann sie verstoßen. Die Magd konnte aber für sie gebären, wie bei Sara und Hagar.

Patriarchat mit zwei Klassen

Das Patriarchat im Alten Israel war ein komplexes hierarchisches Gesellschaftssystem, das sich in zwei Klassen teilte: Freie und Unfreie. Frauen aller Schichten waren im Vergleich zu den Männern ihrer Schicht benachteiligt. Sie hatten nicht die gleichen Möglichkeiten und Rechte, Gesellschaft und Kultur mitzugestalten. Der Mann war in den meisten Lebensbereichen „Maß des Menschen“, weshalb das Alte Testament patriarchal geprägt ist. Durch die wichtige Funktion der Stämme, Sippen und Familien wurde neben den „Vätern Israels“ Abraham, Isaak, Jakob und Josef aber auch den „Urmüttern“ Sara, Rebekka, Rahel, Lea und Tamar eine wichtige Funktion zugestanden.

Frauen zur Zeit Jesus

Zur Zeit Jesu hatten Frauen im allgemeinen wiederum keine sehr positive Stellung, vor allem die Rabbiner hatten eine negative Einstellung ihnen gegenüber. In der Begegnung mit Jesus werden Frauen in den Evangelien jedoch anders dargestellt: Wenn Jesus mit Frauen zu tun hatte, übertrat er häufig offizielle Regeln und Bestimmungen des rabbinischen Judentums. Er wird als jemand geschildert, der die Frauen aufwertete und den Männern gleichstellte, was damals als unerhört galt. Jesus sichert den Frauen im Neuen Testament zu, als eigenständige Person ein eigenes Recht zu haben und ohne männlichen „Schutzherrn“ zu leben. Bedeutende Frauengestalten dieser Zeit sind Maria Magdalena, die „Jüngerin“ Jesu, Maria, die Mutter von Jesus, Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, die Diakonin Phoebe sowie Maria und Martha von Betanien.

Frühes Christentum

Im frühen Christentum schließlich hatten Frauen zunächst eine positive Stellung in der Gesellschaft. Was sich aber schon bald ändern sollte: In den ersten beiden Generationen waren Frauen jeglicher sozialer Herkunft eingeladen, eine aktive Rolle im Kirchenleben zu übernehmen, in den darauffolgenden Generationen verschwinden sie jedoch zunehmend. Paulus nahm Frauen etwa häufig auf Missionsreisen mit. Seine Aussagen über Frauen und deren Rolle in den Paulusbriefen wiederum sind jedoch sehr umstritten.

Der einzige namentlich erwähnte Diakon im Neuen Testament, Phoebe, ist ebenfalls eine Frau. Viele Kirchen halten heute allerdings noch immer daran fest, dass Frauen keine Priesterinnen werden können, weil Jesus angeblich nur Männer zu Ämtern berufen habe und die urchristlichen Gemeinden dem folgten. Das widerspricht jedoch der Tatsache, dass Frauen in frühchristlichen Gemeinden höchste Ämter innehatten.

Verlust

Gegen Ende des ersten Jahrhunderts verloren Frauen zunehmend an Mitsprache in der Kirche. Sie wurden zunehmend wieder auf ihre vorchristlichen Rollen zurückverwiesen, was sich bis zur Reformation nicht ändern sollte. Wohlhabende Frauen des zweiten bis vierten Jahrhunderts nach Christus sollen allerdings namhaft an einer Gegenbewegung beteiligt gewesen sein, die Frauen in der Literatur als Heldinnen und Vorbilder darstellte und damit dem Verschwinden der Frauen aus der Kirchengeschichte entgegenwirkte.

Rebellische Vorbilder

Solch „rebellische“ Frauen, die sich den gesellschaftlichen Konventionen wiedersetzen, gibt es quer durch die gesamte Bibelgeschichte. Frauen, die sich nicht unterdrücken lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen und damit bis heute wiederum Vorbilder und Identifikationsfigur für viele Frauen sind. (isa)

  • Ob Königin Ester (im Bild), Moses Schwester Mirjam, Rut, Sara oder Maria - hinter den biblischen Namen verbergen sich spannende Schicksale.
    bild: kreuz-verlag
    Ob Königin Ester (im Bild), Moses Schwester Mirjam, Rut, Sara oder Maria - hinter den biblischen Namen verbergen sich spannende Schicksale.
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