Passion und Antisemitismus

12. April 2004, 21:11
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Was vermag der Film in den Köpfen der Menschen anrichten - Uri Avnerys Brief an Arafat als Kommentar der anderen

Uri Avnery hat Mel Gibsons "Passion Christi" nicht gesehen. Aber er sieht, was der Film - auch und gerade - in den Köpfen jener anrichten kann, deren "Sache" er sonst leidenschaftlich verteidigt - und erschrickt.


Lieber Herr Präsident, Shalom!

Ich schreibe diese Zeilen, um gegen eine Erklärung zu protestieren, die ich nicht ignorieren kann. Im palästinensischen Wochenblatt "The Jerusalem Times" erschien ein Artikel, in dem berichtet wird, dass Sie den kontroversen Film von Mel Gibson, "Die Passion Christi", angesehen hätten. Danach hätte Ihr Berater und vertrauter Assistent Nabil Abu-Rudeina erklärt, dass Sie diesen Film "bewegend und historisch" gefunden hätten. Und er fügte hinzu, dass die Palästinenser noch täglich dieser Art Schmerzen ausgesetzt seien, die Jesus während seiner Kreuzigung erlitten hätte.

Wenn diese Erklärung nicht in einer palästinensischen Zeitung erschienen wäre, hätte ich geglaubt, das wäre eine Erfindung von Ariel Sharons Propagandaapparat gewesen. Man kann sich kaum einen Satz vorstellen, der der palästinensischen Sache mehr schaden könnte.

Ich habe große Achtung vor Abu Rudeina. Ich schätze seine Loyalität gegenüber der palästinensischen Sache und gerade Ihnen persönlich gegenüber. Er blieb an Ihrer Seite während der Belagerung Ihres Gebäudekomplexes und schwebt dort - genau wie Sie - täglich in Lebensgefahr. Aber diese Erklärung hätte man nicht abgeben dürfen.

Ich habe den Film nicht gesehen und beabsichtige auch nicht, ihn mir anzusehen. Ich verabscheue Grausamkeiten, auch im Film, und dieser Film ist voll mit grausamen Szenen, die angeblich das Neue Testament auf die Filmwand projizieren. Offensichtlich gibt es einen großen Unterschied darin, ob man einen geschriebenen Text liest oder ob man ihn als Film mit lebensnah dargestellten Gräueltaten sieht, in denen Blut wie Wasser fließt. Aber das ist nicht das Wesentliche.

Von einem Araber und Muslim erwartet man nicht, dass ihm die schreckliche Auswirkung der Beschreibung der Kreuzigung Christi auf das Leben der Juden bewusst ist und zwar auf fast 2000 Jahre lange Verfolgungen, Pogrome, Folter durch die Spanische Inquisition, Massenvertreibungen, Massen- und individuellen Mord bis zum Holocaust, in dem sechs Millionen Juden umgebracht wurden. All dieses wurde direkt oder mindestens indirekt durch diese Erzählung möglich gemacht.

Das Neue Testament ist für seine Anhänger ein heiliges Buch. Aber wie unsere Bibel, das so genannte Alte Testament, ist es kein historischer Text. Religiöse Wahrheit und historische Wahrheit sind nicht ein und dasselbe. Die Beschreibung der Kreuzigung in den vier Evangelien datiert viele Jahrzehnte nach den beschriebenen Ereignissen. Und die Schreiber schrieben das, was sie schrieben, unter dem Einfluss der zeitgeschichtlichen Umstände.

Nehmen wir zum Beispiel die Gestalt des römischen Herrschers Pontius Pilatus. In der römischen Geschichte erscheint er als skrupelloser, korrupter und grausamer Prokurator. Im Neuen Testament wird er als humane Person dargestellt, fast als ein Philosoph, der Jesus nicht verurteilen wollte, der aber den Juden nachgab. In Mel Gibsons Film ist er eine attraktive Gestalt, der von den - auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild - abscheulichen Juden gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln.

Warum diese Beschreibung? Als der Text geschrieben wurde, versuchten die Christen gerade, die römische Welt zum christlichen Glauben zu bekehren. Deshalb passte es in ihr Konzept, den Juden die Schuld zu geben und die Römer zu entlasten - völlig im Gegensatz zu den Realitäten der Zeit Jesu. Die Juden von damals waren - wie die Palästinenser heute - ein besetztes Volk und die Römer waren die Besatzungsmacht. Kreuzigung war eine übliche römische Strafe, eine Art "gezielte Tötung" jener Zeit (allerdings nach einer Gerichtsverhandlung).

Die Schreiber der Evangelien waren voller Hass gegen die Juden, was wiederum nicht überraschend war. Sie waren selbst Juden, wie Jesus und alle Leute um ihn herum. Doch gehörten sie einer anders denkenden Sekte an, die vom jüdischen Establishment damals in Jerusalem als häretisch betrachtet wurde. Die christlichen Juden wurden grausam verfolgt. Wie in solch brudermörderischen Kämpfen üblich, erhob sich glühender Hass. Dieser Hass fand seinen Ausdruck in der Beschreibung der Kreuzigung.

Im Matthäus-Evangelium (Kapitel 27) heißt es: . . . Da sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: "Was soll ich denn mit Jesus tun, von dem gesagt wird, er sei der Christus?" Sie sprachen alle: "Lass ihn kreuzigen!" Der Landpfleger sagte: "Was hat er denn Übles getan?" Sie schrien aber noch mehr und sprachen: "Lass ihn kreuzigen!" Da aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern vielmehr ein Getümmel entstand, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: "Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten. Seht Ihr zu!" Da antwortete das ganze Volk und sprach: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!"

Dies ist offensichtlich keine historische Beschreibung. Ein ganzes Volk oder eine große Menge kann nicht wie eine einzelne Person reden. Dieser Satz: "Sein Blut komme . . . über unsere Kinder!" ist unglaubhaft und wurde eingefügt, um die Rache an vielen Generationen zu rechtfertigen. Und tatsächlich, viele Generationen von Demagogen gebrauchten dies Wort, um gegen die "Gottesmörder" zu hetzen.

Adolf Hitler war kein fanatischer Christ - ganz im Gegenteil. Einige seiner Anhänger versuchten sogar, heidnische germanische Riten wieder einzuführen. Aber Hitler und die Vollstrecker des Holocaust hatten im Religionsunterricht der Schule das Neue Testament gelesen. Und keiner kann sagen, wie viel von diesem Text unbewusst weiterwirkte. Und viele einfache Fundamentalisten akzeptierten den Holocaust oder beteiligten sich deswegen an ihm.

Ich habe nicht die Absicht, die ganze christliche Welt durch die Jahrhunderte anzuklagen. Weit entfernt davon. Viele der größten Humanisten im Laufe der Geschichte waren Christen, einige von ihnen sehr gläubige. Christen waren nicht nur Vollstrecker des Holocaust, unter ihnen waren auch Gerechte, die Juden retteten. Christliche Klöster an vielen Orten nahmen Juden auf und retteten sie so.

Jesus predigte die Liebe, und das Neue Testament stellt ihn als eine äußerst sympathische Person dar: gerecht, barmherzig und tolerant. Es ist erschreckend, dass so viele Gräueltaten der Geschichte durch Personen und Institutionen ausgeführt wurden, die vorgaben, sie handelten in seinem Namen.

Sie, Herr Präsident, als Araber und Muslim sind stolz auf die Tatsache, dass länger als eintausend Jahre lang die muslimische Welt gegenüber Juden und Christen ein Vorbild der Toleranz war. In der muslimischen Welt hat es niemals Massenvertreibungen und Pogrome gegeben, die - vom Holocaust einmal ganz ganz abgesehen - stets ein Charakteristikum der Christenheit waren.

Die Blutbande zwischen Muslimen und Juden finden sich während der ganzen Geschichte. Eines der dunkelsten Kapitel der Vergangenheit dieses von uns beiden geliebten Landes ist die Zeit der Kreuzfahrer. Schon auf ihrem Weg ins Heilige Land begingen die Kreuzfahrer einen Genozid an den Juden im Rheinland. Als sie die Mauern Jerusalems durchbrochen hatten, brachten sie die ganze Bevölkerung der Stadt um, Männer und Frauen, alte Leute und kleine Kinder. Einer von ihnen erzählte stolz, dass sie bis zu ihren Knien in Blut gewatet wären. Es war das Blut von Muslimen und Juden, die zusammen abgeschlachtet wurden. Ihre letzten Gebete mischten sich auf dem Weg zum Himmel.

Nach dem Fall Jerusalems hielt Haifa noch eine Weile gegen die Kreuzfahrer stand. Die meisten seiner Einwohner waren Juden, die Seite an Seite mit der ägyptischen Besatzung kämpften. Sie wurden von Muslimen mit Waffen versorgt und sie kämpften - nach den Aufzeichnungen eines christlichen Chronisten - tapfer. Als die Stadt fiel, mordeten die Kreuzfahrer die restlichen Juden und Muslime.

400 Jahre später, nachdem die Christen Spanien von den Muslimen zurückerobert hatten, vertrieben sie Juden und Muslime. Nach dem Goldenen Zeitalter - der wunderbaren kulturellen Symbiose von Muslimen und Juden im mittelalterlichen muslimischen Spanien - erlitten Muslime und Juden das gleiche Schicksal. Fast alle vertriebenen Juden siedelten sich in muslimischen oder von Muslimen regierten Ländern an.

Lassen wir es nicht zu, dass der gegenwärtige zwischen unseren beiden Völkern mit all seiner Grausamkeit geführte Konflikt die Vergangenheit überschattet, weil dies die Grundlage für unsere gemeinsame Zukunft ist. Das gegenwärtige Leid des palästinensischen Volkes hat nichts mit dem zu tun, was vor etwa 1973 Jahren geschehen oder nicht geschehen ist.

Wenn es überhaupt eine Verbindung gibt, dann ist es genau umgekehrt. Ohne den modernen christlichen Antisemitismus der letzten 200 Jahre wäre die zionistische Bewegung gar nicht zustande gekommen. Wie ich schon früher erwähnt habe, stellte der Gründer der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl, ausdrücklich fest, dass die Gründung eines jüdischen Staates die einzige Möglichkeit sei, die europäischen Juden zu retten. Der Antisemitismus war und ist die Kraft, die Juden nach Palästina treibt.

Ohne Antisemitismus, wäre die zionistische Vision eine abstrakte Idee geblieben. Vom Pogrom in Kischinev über den Holocaust zum Antisemitismus in Russland, der erst vor kurzem mehr als eine Million Juden nach Israel trieb, war und bleibt der Antisemitismus der gefährlichste Feind des palästinensischen Volkes. In der Redewendung, dass die Palästinenser "die Opfer der Opfer" seien, steckt viel Wahrheit. Außer den moralischen Gründen ist dies ein zusätzliches Argument gegen die Erklärung über die Kreuzigung, die von Antisemiten als Ermutigung für ihre Sache konstruiert werden kann.

Wenn der Frieden kommt, werden wir uns alle - Juden, Christen und Muslime - in Jerusalem treffen. Ich weiß, dass Sie - genau wie ich - davon träumen. Hoffen wir, dass wir beide dies noch erleben . . . (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

Zur Person

Der Autor, Publizist und langjährige Abgeordnete Uri Avnery lebt in Tel Aviv und kämpft als Gründer der Friedensbewegung Gush Shalom seit Jahrzehnten - nach Lesart seiner Gegner "notorisch" - gegen die offizielle israelische Regierungspolitik.

Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs (vom Verfasser autorisiert).
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    Dass Gibsons umstrittener Jesus-Film sich nun auch in arabischen Ländern (hier: ein Cinecenter in Dubai) zum Kassenschlager entwickelt, ...

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    ...gibt selbst vehementen Sharon-Kritikern wie Uri Avnery (rechts, bei einem österlichen Besuch in Arafats Hauptquartier) Anlass zur Besorgnis.

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