Explosion in Russland: 47 Tote bei Grubenunglück in Sibirien

14. April 2004, 09:58
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Die Körperteile sollen bis zu 2,5 Kilometer weit im Schacht geschleudert worden sein

Moskau - Nach dem verheerenden Grubenunglück im sibirischen Kohlerevier Kusbass dauert die Suche nach Verschütteten schon den dritten Tag an. Nach der Bergung zweier weiterer Leichen aus der Schachtanlage "Taischina" erhöhte sich die Anzahl der mittlerweile aufgefundenen Opfer auf 47. Drei weitere Bergleute gelten als vermisst - Überlebenschancen werden ihnen kaum eingeräumt. Nur sechs Kumpel kamen mit dem Leben davon.

Die Katastrophe ereignete sich am Samstagmorgen in der Stadt Osinniki 3000 km östlich von Moskau. Durch eine Methangasexplosion stürzten in einer Tiefe von 530 Metern Gesteinsmassen ein. Ein verletzter Kumpel berichtete von einem lauten Knall und einem Blitz: "Danach hat es mich weggeschleudert, an mehr kann ich mich nicht erinnern."

Leichenteile flogen bis zu 2,5 Kilometer weit

Bis zu 2,5 Kilometer weit sollen Leichenteile im Schacht geschleudert worden sein. Die Angabe über die Zahl der Opfer war tagelang höchst verwirrend. Erst am Montag war klar, dass von 59 Bergleuten der Nachtschicht 53 in die Grube eingefahren waren. Nur drei Männer konnten sich selbst aus dem Schacht retten, drei weitere wurden von Hilfsmannschaften befreit.

Am Montag waren erst 33 Tote identifiziert. Da die Leichen große Entstellungen aufweisen, muss die Identität anhand genetischer Analysen ermittelt werden. Als Ursache der Katastrophe geben die Behörden einen plötzlichen Ausfluss großer Methangasmengen an. Eineinhalb Stunden vor der Explosion hätten die Messgeräte aber ein zulässiges Methangasniveau angezeigt.

Rätselhafte Ursache

Warum sich die Gasmenge erhöhte und was die Explosion auslöste, wird untersucht. Gouverneur Aman Tulejev vermutet, dass Wartungsarbeiten in 500 Meter Tiefe zum Gasausfluss geführt haben. Der Leiter der Untersuchungskommission hat unterdessen die Bergleute von jeder Schuld entlastet.

Die Rettungsarbeiten gestalteten sich außerordentlich schwierig: Zum einen wiesen die Gruben eine große Gaskonzentration auf. Zum anderen gab es Probleme bei der Lokalisierung der Vermissten, da der Unglücksort weit vom Schachteingang entfernt lag und Funkverbindungen abgebrochen waren.

Vor allem aber war den Rettungsmannschaften der Weg durch eine 15 bis 20 Meter lange Verschüttung versperrt. So versuchte ein Teil der 400 Rettungsleute auch von einem Nachbarschacht her zu den Kumpeln vorzudringen, was allerdings jeweils eine Wegstrecke von fünf Kilometern bedeutete. Seit 2001 werden im Schacht Taischina jährlich 700.000 Tonnen Kohle gefördert. Der letzte Unfall mit einem Todesopfer ereignete sich hier im September 2002.

Sicherheit in russischen Bergwerken fragwürdig

In einem Schacht im benachbarten Nowokusnezk waren vor sieben Jahren 67 Bergleute verunglückt. Generell ist die Sicherheit in russischen Bergwerken fragwürdig. Es gibt Schätzungen, wonach in 80 Prozent aller Schachtanlagen Förder- und Sicherheitstechnik völlig veraltet sind. Jährlich sterben mehrere Dutzend Bergleute.

In einem Schacht in der sibirischen Stadt Partisansk ließen im Oktober des Vorjahres bei einer Methangasexplosion fünf Kumpel ihr Leben. Etwa zeitgleich waren im südrussischen Nowoschachtinsk elf Kumpel nach fünftägiger Suche lebend gefunden worden. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD Printausgabe 13.4.2004)

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