Das ist kein Religionskrieg

12. April 2004, 19:43
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Hans Rauscher schreibt in seiner Kolumne über den Islam in seiner radikalen Form

Wenn der Papst und Zehntausende Gläubige auf dem Platz vor dem Petersdom in Rom von einem Großaufgebot an Spezialpolizei beschützt werden müssen; wenn dieser Schutz für notwendig gehalten wird, weil eine islamistische Gruppe mit der "Zerstörung" des Zentrums des christlichen Glaubens gedroht hat - sind wir dann mitten in einem Religionskrieg?

Es sieht so aus, aber es stimmt trotzdem nicht. Die islamischen Fanatiker, aus deren Reihen sich die Terroristen rekrutieren, wollen, dass wir das so sehen. Sie selbst mögen als Ziel einen totalitären Gottesstaat vor sich sehen, in dem der von ihnen interpretierte Koran und die Scharia herrschen - zunächst im arabisch-islamischen Raum, aber letztlich überall auf der Welt, aber die Betonung liegt in Wirklichkeit mehr auf "totalitär" als auf "Gottesstaat".

Der Hass und die Terroranschläge richten sich nur vordergründig gegen das Christentum, sondern gegen die westlichen Freiheiten. Gegen die freiheitliche Gesellschaft, die liberale Demokratie, die ihrerseits die Trennung von Staat und Kirche seit gut hundert Jahren vollzogen hat. Diese Trennung ist ein konstituierendes Merkmal der westlichen Gesellschaften (auch wenn es im Moment in den USA nicht so aussehen mag, wo fundamentalistisches Christentum die Regierung Bush beherrscht und großen Einfluss auf die Gesellschaft hat: Am säkularen Charakter der amerikanischen Demokratie ändert das nichts). Die christlichen Kirchen, besonders die katholische, haben deswegen ihren Gestaltungsanspruch nicht aufgegeben, auch in Europa nicht, aber es ist eben ein Gestaltungs- und kein Dominanzanspruch.

Der Islam erhebt jedoch auch in seinen gemäßigteren Formen diesen Dominanzanspruch, und in seiner radikalen Form - z. B. im Wahhabitenregime der Saudis oder bei der radikalen Schia im Irak - ist er totalitär. Deshalb ist es argumentierbar, wenn manche Autoren von der "dritten totalitären Ideologie" (nach dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus) oder dem "Islamofaschismus" sprechen.

Die Parallelen sind unübersehbar: Sowohl im Nationalsozialismus/Faschismus wie im Kommunismus wurden Individualismus, geistige Freiheit und Liberalität in den Lebensformen erbarmungslos unterdrückt und ein Kult der Unterwerfung unter eine übergeordnete Idee bis hin zum freudigen (Todes-) Opfer für die "Nationale Gemeinschaft" oder die "Arbeiterklasse" errichtet. Die totale Unterwerfung unter das islamische Dogma (bzw. seine Interpretation durch selbst ernannte "Erleuchtete") ist dem mehr als verwandt.

Der Punkt ist nicht die Religion, sondern der Antagonismus, den eine totalitäre Ideologie, die sich - zu Unrecht - auf einen religiösen Auftrag beruft, gegenüber den freien Gesellschaften des Westens empfindet. Unter diesem Gesichtspunkt muss daher etwa auch die Frage des EU-Beitritts der Türkei diskutiert werden - nicht: Soll das "christliche Europa" die "islamische Türkei" aufnehmen? Sondern: Ist die Türkei hinreichend eine freiheitlich-aufgeklärte Gesellschaft mit liberaler Prägung? Oder kann sie/ will sie das in absehbarer Zeit werden?

Selbstverständlich gibt es in den westlichen Gesellschaften genug Strömungen, die die grundsätzliche liberale Natur unserer Verfassung (der geschriebenen wie der real-alltäglichen) ändern möchten zugunsten eines entweder klerikal-fundamentalistischen oder nationalistisch-völkischen oder auch eines altlinken Modells für alle. Aber die grundlegende Liberalität behält die Oberhand, und das ist der Unterschied - und zugleich das große Ärgernis für die antiwestliche Gegenmoderne, aus der der Terrorismus kommt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2004)

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