Kommentar von RAU: Benimm

20. April 2004, 20:35
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Das Fernsehen bildet die gespaltene Wirklichkeit des Benehmens getreu ab

Kolumnistenkollegin Elfriede Hammerl weist jetzt zu Recht auf die Dissonanz zwischen den Benimmkursen für junge Aufsteiger in Hochglanzmagazinen einerseits und dem breitflächig rüpelhaften Benehmen im Alltag andererseits hin. Die Gesellschaft spaltet sich anscheinend in solche, die noch eine Karrierehoffnung haben und daher wissen wollen, ob man beim Vorstellungsgespräch Kaugummi kaut, und solchen, die das bereits hinter sich gelassen haben und nichts mehr daran finden, die noch freien Flächen zwischen den Hundshaufen am Gehsteig mit grüngelben Spuckmarkierungen zu versehen oder den Gegenwert von zwei Hektar Regenurwald an Fastfoodverpackung auf bzw. unter dem U-Bahn-Sitz zu hinterlassen.

Das Fernsehen bildet diese gespaltene Wirklichkeit getreu ab: Zur Primetime läuft eine "Benimm-Show" mit Thomas Gottschalk, ein Gute-Manieren-Buch eines deutsch-äthiopischen Aristokraten ist ein Bestseller geworden - und im Nachmittagsprogramm streiten tätowierte Verhaltensgestörte darum, wer noch mehr peinliche Details aus seinem völlig uninteressanten Leben möglichst abstoßend präsentieren kann. Irgendwer sollte das sozio-psychologisch analysieren. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.4.2004)

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