Hoffen auf den Schöpfer - Ein Kulturmann als steirischer Wirtschaftslandesrat

17. April 2004, 14:55
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Analyse von Peter Vujica

Ob die Welt ihre Existenz tatsächlich einem Schöpfer verdankt, oder ob alles von selber so wurde, wie es jetzt ist, bleibt nach wie vor metaphysische Ansichtssache.

Da sind die Hoffnungen, welche die steirische Landeshauptfrau gegenwärtig in ihren Schöpfer setzt, schon viel konkreter. Immerhin hat er auch einen Vornamen - Gerald -, und als karsamstäglich gewählter steirischer Wirtschaftslandesrat braucht er keineswegs die Welt neu zu erschaffen, sondern den weiß-grünen Schwarzen nur das bringen, wonach sie schon seit mehr als Jahresfrist lechzen: Ruhe, Ruhe und wieder Ruhe.

Wenn keiner mehr von der Estag redet, wenn keiner mehr die mittlerweile unaussprechlichen Namen der beiden innerparteilichen Kampfhähne nennt und diese selbst in der Öffentlichkeit um Himmels und Schöpfers willen ihren Mund nur ja auch nicht mehr aufmachen, dann, ja dann können die davonschwimmenden Quotenfelle bis zur nächsten Landtagswahl vielleicht doch noch zurückgefischt werden.

Dazu kann man dem neuen Schöpfer der Steiermark nur alles Gute wünschen. Ob er's schafft oder auch nicht, fest steht eines:

Gerald Schöpfer wäre auch als Kulturlandesrat eine glaubwürdige Figur. Seine langjährige Tätigkeit als Herausgeber der steirischen berichte vermittelte ihm einen umfassenden und anhaltenden Überblick über die steirische Kunstszene. In seiner Jugend selbst als Kabarettist tätig, hat er zumindest eine Ahnung von der unendlichen Schwierigkeit eines Künstlerdaseins. Und nicht zuletzt vermittelte er nie die Penetranz des willenlosen VP-Büttels.

Alles Argumente, welche jene Person, die in der Steiermark gegenwärtig für die Kulturbelange politisch zuständig ist, nämlich die Landeshauptfrau persönlich, für sich nicht ins Treffen führen kann. So ist es unschwer abzusehen, dass auch für den Fall, dass Schöpfer schafft, was man von ihm erwartet, das Kulturleben dieses Landes jene kleine, unspektakuläre Estag bleibt, die es seit längerem schon ist.

Kein Mensch denkt zum Beispiel darüber nach, dass im abgelaufenen Jahr in Graz - damals gar Kulturhauptstadt Europas - gleich zwei Intendanten ihren Abschied genommen bzw. angekündigt haben.

Karen Stone, so heißt es, hat mit Dallas schon lange verhandelt. Und die von ihr, als die Sache perfekt war, genannten Gründe für ihren Abschied waren eben nur fadenscheinige Ausreden.

Allein diese offizielle Interpretation von Karen Stones Abgang ist ein Symptom für den hohen Verlust an kulturpolitischem Selbstwertgefühl:

In der steirischen Landes-und im Vorjahr Europas Kulturhauptstadt mit Österreichs zweitgrößtem Opernhaus von beachtlicher Tradition ist es offenbar ausgemachte Sache, dass man mit einer texanischen Stadt, die bisher vor allem als Schauplatz von John F. Kennedys Ermordung bekannt wurde, nicht gleichziehen kann.

Auch der für Ende nächsten Jahres angekündigte Abgang des herbst-Intendanten Peter Oswald kann kaum als Signal dafür gewertet werden, dass er sich in der Steiermark und in deren Hauptstadt besonders wohl fühlt. Vielmehr sind dies Hinweise, dass die Steiermark als Kulturregion unwirtlich geworden ist.

Für Karen Stone durch die politisch anbefohlene Umstrukturierung der Bühnenbetriebe, die es Jörg Koßdorff, ihrem Nachfolger, zurzeit unmöglich macht, längerfristige Verträge abzuschließen.

Als Grund für Peter Oswalds Auszug gilt der ruinöse Mietvertrag, den er mit dem Besitzer der List-Halle abgeschlossen hat. Dass ihm das zuständige Politikergremium vor dessen Abschluss eigentlich daran hätte hindern müssen, sagt keiner.

Das Schlimmste aber ist, dass nicht jeder so genannte Kulturschaffende, der in der Steiermark vor sich hin kümmert, ein Angebot nach Dallas bekommt oder die Möglichkeit hat, aus diesem Land den Rückzug anzutreten.

Im bizarren Paso doble mit der ebenfalls in schwarzer Hand befindlichen Grazer Rathauskultur wird jener Bereich, für den Kulturpolitik in erster Linie da sein sollte, nämlich das, was aus dem heimischen Boden an Kunst erwächst, durch Nichtbeachtung und Nichtförderung zum Verkümmern gebracht.

Besonders erstaunlich wird diese Misere durch die Erkenntnis, dass es sie seit Gerald Schöpfers Auftauchen auf dem Horizont der Landespolitik gar nicht geben müsste. Denn auch Waltraud Klasnic hat als einstige erfolgreiche Betreiberin eines Frachtunternehmens und dann als Wirtschaftslandesrätin richtig eingesetzte Politikerin ihre hohen Qualifikationen.

In Gerald Schöpfers Metier könnten diese sehr nützlich sein. Und zu vielleicht weniger Spaßigem führen als zu hitzigen Debatten über eine Neutextierung der steirischen Landeshymne. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

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