Sauls Seelenqualen

18. April 2004, 17:49
posten

Charpentiers "David et Jonathas" - ein Osterfestspiel-Triumph

Salzburg - Der unglückselige Saul, der von Jahwe schon verworfen wurde, noch bevor er ihn so richtig zum König salben ließ, ist in allen Geschichten um König David die tragische Hauptfigur im Hintergrund: Dafür, dass er ihn über seinen Propheten Samuel zum Königtum berief und Saul die Frechheit besaß, die Berufung anzunehmen, quält Jahwe seinen Erwählten bis zum Wahnsinn. In seiner Raserei geht Saul sogar zur "Hexe von Endor", die ihm ein letztes Mal bestätigt, was seit gut zwanzig biblischen Kapiteln längst feststeht: Gott hat ihn verworfen und das Königtum einem anderen gegeben - David.

An dieser Stelle setzt die psychologisch und musikalisch gleichermaßen packende Kirchenoper David et Jonathas von Marc-Antoine Charpentier ein. - Nichts weniger als eine österlich-musikalische Offenbarung bescherten die Osterfestspiele Salzburg ihrem Publikum mit diesem "Kleinod" im Ausmaß einer ausgewachsenen Barockoper. Charpentier, dessen zwei mal acht Takte "Eurovisionsmusik" aus dem Te Deum H 146 alle Welt nachpfeifen kann, schrieb "Theatermusiken" für die lateinischen Dramen der Jesuiten in Paris: Diese Werke Charpentiers sind verschollen - bis eben auf David et Jonathas, das 1688 entstand und in einer Kopie des Bibliothekars von König Louis XIV. überliefert ist.

Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter Leitung der Dirigentin Emmanuelle Haim hat die Partitur mit unglaublicher musikalischer Intensität zum Leben erweckt. Sprachlich präzis agierten der Choir of the Enlightenment und die aus ihm zusammengestellten Ripieno-Gruppen.

Wenn Jonathas, der Sohn des unglücklichen Königs Saul, und der künftige König David einander über alle Anfeindungen hinweg Freundschaft und Treue schwören, hört man die Engel mit sanften Traversflöten- und samtigen Gambenklängen singen. - Und weinen, wenn der eine in den Armen des anderen den Schlachtentod stirbt: Die Sopranistin Jael Azzaretti in der Hosenrolle des Jonathas und Paul Agnew als David lieferten packende Psychogramme. Die Seelenqual des Saul - großartig: Der Bass Laurent Naouri - ist in der Musik ebenso greifbar wie der kurze Triumph der feindlichen Philister, der endgültige Sieg der Israeliten oder die traurige Nachdenklichkeit des erwählten neuen Königs David. Gesungene Klage und klagender Gesang ziehen den Zuhörer hinein in eine Tragödie biblischen Ausmaßes. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

Von
Heidemarie Klabacher
Share if you care.