Rossetti-Ausstellung: Frauenkult statt Heldentod

18. April 2004, 18:27
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Das Van Gogh Museum zeigt Arbeiten des Gesamtkunstwerkers Dante Gabriel Rossetti, eines der wesentlichen Wegbereiter von Symbolismus und Jugendstil

Rossettis "Pre-Raphaelite Brotherhood" begegnete dem viktorianischem Pomp mit schwärmerisch-visionärer Poesie.


Amsterdam - Wenn einer ebenso inbrünstig malt, wie er dichtet, mag zumindest er selbst an eine Doppelbegabung glauben. Bei Dante Gabriel Rossetti, dem Sohn des revolutionären Freidenkers Gabriele, welcher 1824 als politischer Flüchtling nach London kam, war das noch etwas komplizierter. Er erblickte 1828 das Licht des viktorianischen Zeitalters, und sein Leben sollte einzig der Suche nach einer Antwort darauf gewidmet sein. Rossetti versuchte wie ein Dichter zu malen und wie ein Maler zu dichten.

Er hat nach eigenen und auch fremden Gedichten Bilder gefertigt. Rossetti war anglikanisch getauft worden, allem Religiösen gegenüber aber von einer annähernd atheistischen Skepsis erfüllt. Was ihn nicht daran hinderte, zeitlebens einer Sehnsucht nach allem Mystisch-Okkultem zu erliegen.

Italien hat er nie besucht, was ihn nicht davon abhielt, die "Pre-Raphaelit Brotherhood" zu gründen, eine Vereinigung schwärmerischer Jungmänner, die Kunst und Leben erneuern wollte, ihr Heil im Zurück zur Natur, im Zurück zur Meisterschaft der Zeit vor Raffael suchte. Und die vor allem eins wollte: weg von der Royal Academy, weg vom Pomp des idealisierten Historienbildes, weg von den Kriegern, hin zu den Frauen - als Leinwände fürs Schwärmen, als Mittelpunkte kultischen Annäherns.

Das hieß: Autodidakt bleiben! Auch wenn Rossetti in Ford Madox Brown, einem Bewunderer der deutschen Nazarener wie Overbeck und Cornelius, einen ersten Lehrer fand. Daneben las er Dante und Malory, Poe und Keats, studierte die flämischen Meister ebenso wie William Blake, und ließ sich von den Venezianern des Seicento leiten. Und von allen anderen, denen er zugestand, das Gespür für das Einfache nicht durch den Einbruch der Renaissance verloren zu haben.

Mit von der esoterischen "Brotherhood" waren William Holman Hunt und John Everett Millais, den heute ein junger Mensch vor allem dadurch kennt, dass Nick Caves Where The Wild Roses Grow als Hommage auf dessen Ophelia zu hören ist. Womit auch geklärt wäre, von welcher Stimmung so ein preraffaelitisches Bild immer ist. Es geht um ungelöste Spannungen bei hoher Luftfeuchtigkeit und geigenverhangenem Himmel - bei gleichzeitigem Testosteronüberschuss; es geht um jene Sehnsucht, die sich nur einstellt, wenn Angst vorm Gerät ausbricht. Es geht um Schmerzen beim Ausredenfinden, die nur ertragen kann, wer es versteht, Selbstmitleid manieristisch zu stilisieren, in allem ein symbolhaftes Attribut zu erkennen.


Überdosis "laudanum"

Und dann wird eben die Schönheit der Frau gefeiert, der Muse. Bei Rossetti waren das, bis zu ihrem Tod an einer Überdosis "laudanum" (ein "lobenswertes" Opiumpräparat) Elizabeth Siddal, die auf gut 20 Porträts (immer als Beatrice) im Van Gogh Museum vertreten ist, und später Jane Morris-Burden, Dante Gabriels Geliebte und Frau seines Schülers William Morris.

Über den und Rossettis zweiten Lehrling, Ed Burne Johnes, wird Rossettis entscheidender Einfluss auf Symbolismus und Jugendstil deutlich: Aubrey Beardsley, Gustave Moreau, Odilon Redon, Gustav Klimt, Max Klinger.

Zu einem Typ wie Rossetti passt, das er sich zeitlebens weigerte, öffentlich auszustellen und nach dem Tod seiner Frau zurückgezogen an seinem eigenen Mythos bastelte. So gab er Elizabeth das Manuskript seines Gedichtbandes "The House of Life" mit ins Grab, ließ es aber sieben Jahre später zwecks Veröffentlichung wieder ausgraben. In einem seiner Hauptwerke - Dantes Traum -, für das Elizabeth Modell gestanden hatte, änderte er nach deren Tod die Gesichtszüge in jene seiner Neuen, Jane Morris. Um das zu tarnen, beließ er es aber bei Elizabeths blondem Haar.

Oscar Wilde entdeckte in Dante Gabriel Rossettis Bildern eine "Leidenschaft für die körperliche Schönheit", den Grundsatz der "ausschließlichen Berücksichtigung der Form" sowie ein "Suchen nach neuen Gegenständen der Dichtung, neuen Formen der Kunst, neuen Genüssen des Geistes und der Einbildungskraft".

Die Retrospektive im Van Gogh Museum Amsterdam berücksichtigt alle Aspekte im Oeuvre des Gesamtkunstwerkers: Malereien, Zeichnungen, Glasfenster, Möbel, Fotografien, Schmuck und Dichtung. Man begegnet Rossettis Heldinnen wie Helen of Troy, Lady Lilith, Pandora, Proserpine, und Mariana. Trotz seiner Weigerung auszustellen, nahm Dante Gabriel Rossetti öffentliche Aufträge an, schuf etwa den Altar - The Seed of David - für die Llandaff Cathedral in Cardiff (Wales), der im Van Gogh Museum erstmals außerhalb der Kathedrale zu sehen ist. Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählen noch Beata Beatrix (1863-70) aus der Londoner Tate Gallery und Dante's Dream aus der Walker Art Gallery in Liverpool.

Die äußerst rare Gelegenheit zum umfassenden Rossetti-Erleben bietet sich bis 6. Juni in Amsterdam und anschließend in der Walker Art Gallery in Liverpool. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2004)

Von
Markus Mittringer

Link:

Van Gogh Museum, Amsterdam
  • Vielleicht Dante Gabriel Rossettis berühmtestes Bild: "Beate Beatrice" (1863-70) aus der Sammlung der Londoner Tate Gallery.
    foto: tate london

    Vielleicht Dante Gabriel Rossettis berühmtestes Bild: "Beate Beatrice" (1863-70) aus der Sammlung der Londoner Tate Gallery.

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