Pressestimmen: "US-Militär braucht mehr gesunden Menschenverstand"

13. April 2004, 06:32
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Britische Zeitungen drängen auf größere Rolle der Vereinten Nationen

Paris - Internationale Tageszeitungen befassen sich auch zu Ostern mit der für die Besatzungstruppen wenig erquicklichen Lage im Irak. Die Pariser KP-Zeitung "L'Humanite" schreibt am Montag, dass in den USA immer öfter der Vergleich zum Vietnam-Krieg gezogen werde. Die "Financial Times" sieht keine Chance für die UNO, im Irak eine größere Rolle zu übernehmen. Die Zürcher "NZZ am Sonntag" sieht die USA trotz ihrer militärischen Übermacht in einer problematischen Situation, während die britischen Sonntagszeitungen "Sunday Mirror" und "The Independent on Sunday" auf einen weniger unilateralen Kurs der Besatzungsmächte im Irak drängen.

"L'Humanite"

"Der Vergleich des Irak mit Vietnam wird in der amerikanischen Öffentlichkeit immer häufiger gezogen. 64 Prozent der Amerikaner sind nach einer "Newsweek"-Umfrage über eine Entwicklung in diese Richtung beunruhigt. Doch George W. Bush macht Urlaub. Wie am 6. August 2001. An jenem Tag warnte ein Memorandum der Geheimdienste vor Vorbereitungen eines Anschlags auf dem Boden der USA. Der Text wurde auf politischen Druck hin endlich veröffentlicht. Er könnte nicht klarer sein. Man weiß, was aus ihm wurde. Die Anschläge von Madrid haben die Ohnmacht der amerikanischen Methode angesichts der Bombenleger gezeigt. Eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts scheint in weite Ferne zu rücken. Und das irakische Volk erleidet immer noch das Martyrium."

"Financial Times"

"Es gibt so gut wie keine Chance für die Vereinten Nationen (UN), umfassende Verantwortung für den Irak zu übernehmen, wie sie es vollständig im Kosovo und weitgehend in Afghanistan getan haben. Die UN wollen das auch gar nicht; eine Mehrheit im Weltsicherheitsrat war gegen die Invasion im Irak seitens der USA und Großbritanniens, und Annans eigene Leute sind immer noch traumatisiert von dem Bombenanschlag auf ihr Quartier in Bagdad im vergangenen Sommer. Bush will es auch nicht, denn für ihn wäre eine vollständige Übergabe des Irak an die UN als wenn er den Sieg direkt an seinen demokratischen Herausforderer bei den Präsidentenwahlen in diesem Jahr übergeben würde. Und die meisten Irakis wollen es auch nicht, die unter den Wirtschaftssanktionen der UN zu Saddam Husseins Zeiten Not gelitten haben und die in der Machtausübung der UNO möglicherweise nur eine Fortsetzung der US-Besatzung unter anderen Vorzeichen sehen würden."

"NZZ am Sonntag"

Die USA dürften zwar "angesichts der militärischen Übermacht" die Situation im Irak wieder unter ihre Kontrolle bringen "wenngleich Kämpfe an zwei Fronten immer schwierig sind (...). Als zusätzliches Problem erweist sich, dass ein Teil der Koalitionstruppen, die im bis vor kurzem relativ ruhigen Süden des Iraks stationiert sind, der Lage wegen mangelnder Kampferfahrung nicht gewachsen sind und von US-Truppen ersetzt werden müssen. (...) Aber selbst mit einem militärischen Erfolg wäre nur ein Teil des Problems erledigt; die von Washington angestrebte politische Lösung wäre damit noch nicht näher gerückt."

"Sunday Mirror"

"Während die Zahl der Toten steigt, ist die (britische) Regierung hinsichtlich des weiteren Vorgehens gespalten. Finanzminister Gordon Brown und Außenminister Jack Straw wollen, dass die Vereinten Nationen übernehmen. Sie glauben zu Recht, dass Präsident Bushs Juni-Frist für eine Machtübergabe an eine Marionettenregierung nicht haltbar ist. Die schlimmste Entscheidung, die Blair diese Woche treffen könnte, wäre, seinen Kumpel George zu unterstützen und mehr britische Soldaten auf die irakischen Schlachtfelder zu schicken. Wenn der Premierminister wahre Führungsstärke beweisen will, dann muss er Bush entgegentreten und sich für eine wirklich internationale Präsenz im Irak einsetzen. Das mag Bushs Chancen für eine Wiederwahl nicht dienlich sein. Aber es ist auch nicht die Aufgabe eines britischen Premierministers, dem US-Präsidenten dabei zu helfen, wiedergewählt zu werden. Blair hat jetzt seine vielleicht letzte Gelegenheit zu beweisen, dass Großbritannien eine unabhängige Nation ist - und nicht der Schoßhund von Bush."

"The Independent on Sunday"

"Ein Jahr nach dem Sturz der Saddam-Statue im Zentrum von Bagdad sollte es glasklar sein, dass hier etwas gehörig schief gegangen ist. Was muss getan werden? Traurigerweise besteht die einzige realistische Option darin, die Amerikaner dazu zu bewegen, ihre Besatzung mit - wie John Kerry es ausdrückt - "mehr gesundem Menschenverstand und größerer Demut" auszuführen. Es gibt einige Schritte, die auf jeden Fall helfen könnten. Erstens muss Paul Bremer gehen. Er hat in zu vielen wichtigen Fragen die falschen Entscheidungen getroffen. Zweitens müssen sich die Amerikaner von dem Konzept der "überwältigenden Streitmacht" verabschieden. Ihre Kontrolle über das Land beruht viel zu sehr auf dem Grundsatz, jede Herausforderung ihrer Autorität sofort gewaltsam zu bestrafen. Das funktioniert nicht. Drittens muss Präsident Bush mit anderen Ländern zusammenarbeiten, so viel wie möglich im Rahmen der UNO." (APA/dpa)

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