Religiösen Frauenbildern auf der Spur

16. Juni 2004, 15:32
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Die Frauenrechtlerin Elizabeth C. Stanton brachte 1895 die "Woman´s Bible" heraus

Feministische Theologie wurde spätestens in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Schlagwort in der Kirchenbewegung. Ihre Wurzeln liegen jedoch noch viel weiter zurück: Bereits Ende des 19.Jahrhunderts hat sich die US-Frauenrechtlerin Elizabeth Cady-Stanton gemeinsam mit anderen Frauen Gedanken über die Position der Frau in der Bibel und deren Folgen für die Rolle der Frau in der Gesellschaft gemacht. Cady-Stanton war zu der Überzeugung gekommen, dass sich an dieser Stellung nichts ändern lässt, wenn nicht auch die ideologischen und religiösen Frauenbilder hinterfragt werden. 1895 erschien deshalb der erste Band ihrer „Woman´s Bible“, die die Bibel erstmals aus Sicht der Frauen kritisch kommentierte.

"Gott ist kein Mann"

Die Autorinnen führten darin alle Stellen der Bibel auf, die für Frauen wichtig sind. Sie versuchten klarzustellen, dass Gott kein Mann ist, dass Frauen und Männer gleich erschaffen hat, und dass auch viele Frauen in der biblischen Geschichte immer wieder eine tragende Rolle spielten. Frauen, die Ende des 19. Jahrhunderts für Stimmrecht und bürgerliche Gleichstellung kämpften, sollte das Buch als Argumentationshilfe gegen die Kirchen dienen, die an der gesellschaftlichen Unterordnung der Frauen festhalten wollten und sich dabei auf die Bibel beriefen.

Die „Woman´s Bible“ sorgte damals für helle Aufregung in Kirche und Gesellschaft: Selbst Frauenorganisationen wie die National American Woman Suffrage Association (NAWSA) sprachen sich entschieden dagegen aus, Kirchenvertreter bezeichneten es gar als ein Werk des Teufels. Cady-Stanton gelang es nicht, mit ihrer Bibelauslegung Einfluss auf religiöse Institutionen zu nehmen. Dies hielt sie aber nicht davon ab, 1898 einen zweiten Band herauszugeben.

Pionierwerk

Das Buch gilt als eines der Pionierwerke der Feministischen Theologie - feministische Theologinnen heute gehen allerdings nicht mehr mit allen Inhalten und Ansätzen der Autorinnen konform. So wird beispielsweise kritisiert, dass alle Texte in „gut“ und „schlecht“ eingeteilt wurden - entsprechend der damaligen politischen und emanzipatorischen Überzeugungen -, da dies eine starke Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge sei. Weiters habe sich gezeigt, dass die feministische Bibelinterpretation lange Zeit stark von der Sicht weißer, wohlhabender Frauen geprägt war – schwarze Frauen etwa kämen beim Lesen der Bibel auf ganz andere Ideen, Frauen verschiedener anderer Kulturkreise hätten ganz andere Fragen. So untersucht auch die Woman´s Bible die Bibel ausschließlich aus der Perspektive weißer Frauen der bürgerlichen Mittelschicht. Sie konzentrieren sich in den Bibelstellen vor allem darauf, wo die Gleichheit der Geschlechter betont werden, wo Frauen Führungsrollen übernehmen, wo sie sich als gelehrt oder gebildet zeigen.(isa)

Elizabeth C. Stanton
"The Woman´s Bible"
Northeastern University Press
ISBN 1-55553-162-8

LINK:
Woman´s Bible

  • Elizabeth C. Stanton, die Herausgeberin der bibelkritischen "Woman´s Bible".
    foto: sacred-texts.com
    Elizabeth C. Stanton, die Herausgeberin der bibelkritischen "Woman´s Bible".
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