Architekt Roland Rainer im 94. Lebensjahr verstorben

12. April 2004, 20:42
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Doyen der österreichischen Architektur: "Ich will nichts Neues, sondern das Richtige" - Wiener Stadthalle, ORF-Zentrum und Puchenau als bekannteste Werke

Wien - "Ich will nichts Neues, sondern das Richtige." - Mit diesem Credo avancierte Roland Rainer in den vergangenen Jahrzehnten zum unangefochtenen Doyen der österreichischen Architektur. Als Architekt und Stadtplaner international angesehen, war er auch Lehrer einer Generation erfolgreicher Architekten, Autor zahlreicher Bücher und unermüdlicher Kritiker von Bausünden und fortschreitender Umweltzerstörung. Zu seinen bekanntesten Bauwerken zählen die Wiener Stadthalle und das ORF-Zentrum am Küniglberg. Am Samstag ist Rainer im Alter von 93 Jahren verstorben.

Nach dem Studium an der Technischen Hochschule Wien wurde der am 1. Mai 1910 in Klagenfurt geborene Rainer Mitarbeiter der Deutschen Akademie für Städtebau in Berlin. 1945 übersiedelte Rainer zurück nach Österreich, 1953 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule Hannover. Weitere Stationen waren eine Professur für Hochbau und Entwerfen an der Technischen Hochschule Graz und bis 1980 die Leitung einer Meisterklasse für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Von 1958 bis 1963 war Rainer Stadtplaner der Bundeshauptstadt. In Deutschland realisierte er etwa die Stadthallen in Bremen und Ludwigshafen.

In einer Zeit allgemeiner geistiger Ratlosigkeit knüpfte Rainer in seinen Büchern an jene gestalterischen und sozialen Kräfte an, welche die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entscheidend geformt hatten. 1947 veröffentlichte er sein erstes Buch über "Die Behausungsfrage", dem ein Jahr später die "Städtbauliche Prosa - praktische Grundlagen für den Aufbau der Städte" folgte.

Mit der Gartenstadt Puchenau (Oberösterreich) realisierte Rainer modellhaft seine Idee eines humanen Wohnens im verdichteten Flachbau. Seit 1962 in verschiedenen Planungsphasen realisiert, stellt die hauptsächlich aus Einfamilienreihenhäusern bestehende Siedlung ein Paradebeispiel für umweltfreundliche Wohnqualität dar. Seit Jahrzehnten äußerte sich Rainer gegen das Hochhaus als Wohnort, der zur Folge habe, dass die Bewohner am Wochenende in die Zweitwohnungen auf dem Land flüchten.

Verbalisierbare, mitteilbare Lehrmeinung

Die Arbeit Rainers ist durch zahlreiche Auszeichnungen wie den Großen Österreichischen Staatspreis für Architektur und den deutschen Fritz-Schumacher-Preis gewürdigt worden. Der Wiener Gemeinderat ehrte ihn mit der Ernennung zum Bürger der Stadt Wien. Von 1980 bis 1999 fungierte er außerdem als Präsident des österreichischen Kunstsenats.

Als "Motor" der österreichischen Architektur, der seine Vorstellungen immer wieder gepredigt habe, bezeichnete der Architekturkritiker und -theoretiker Friedrich Achleitner Rainer. Als Lehrer habe er "eine verbalisierbare, mitteilbare Lehrmeinung gehabt, an der sich seine Schüler reiben konnten". Für Gustav Peichl war Rainer "einer der wichtigsten Architekten und Denker in Sachen Architektur nach 1945". Er habe die nachfolgenden Generationen gelehrt, "Haltung zu bewahren und nicht jeden modischen Schnick-Schnack, angefangen bei der Postmoderne, mitzumachen". Rainer habe als erster erkannt, wie wichtig der Städtebau und das Wohnen für die Menschen ist.

Rainer sei "den Gärten ein Liebender, der Natur ein glühender Anwalt, den Bauherren ein unbestechlicher Partner, der Architektur und der Stadtplanung ein dominantes Gewissen" gewesen, betonte Kunststaatssekretär Franz Morak (V). Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) nannte Rainer einen "Pionier in seiner Auffassung von Wohnkultur". (APA)

  • Roland Rainer, Advokat einer humanistischen Moderne

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