Die schicke Puderdose

20. April 2004, 12:33
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Seit Anfang April gibt es den "Boulevard" des Standard auch als Onlinevideo

Seit Anfang April gibt es den "Boulevard" des Standard auch als Onlinevideo. Aufgenommen werden die Clips mit einem Organizer von Sony, der sich per Handy oder WiFi auch gut zum Surfen und Mailen eignet: ein Spielzeug für große Kinder.

Die Leute sind unbescheiden. Denn die zweite Frage lautet immer "Kann er auch telefonieren?" Und dann wirken alle enttäuscht, weil der UX50 kein Telefon ist. Weil es derzeit "common expectation" an jedes Hightechdingsbums ist, dass man es ans Ohr halten muss – egal, was sonst drinsteckt.

Ein Fotohandy hat längst jeder

Freilich: Abgesehen davon eignet sich der zigarettendosenkleine Sony Clié UX50 hervorragend zum Eindruckschinden: Ein Fotohandy hat längst jeder – aber einen Hosentaschen-PDA mit drehbarem Bildschirm, der Videos macht? Ätsch. Eine Woche nachdem der Sony Clié UX50 seinen Dienst als Kamera für die "Boulevard"-Videos des Online-Standard aufgenommen hat, lässt sich ein erstes Resümee ziehen: Als PDA erfüllt der UX50 seine Palm-Pflichten klaglos. Als Marketingtool ("He, was ist das? Und das funktioniert? Toll, das filmen wir gleich mit") sowieso. Und wider erwarten lässt sich sogar die auf Visitkartenformat gestauchte Tastatur erstaunlich gut bedienen.

"Entertainment Organizer"

Aber ums Arbeiten geht es eh nicht: Sony nennt das Teil ja selbst "Entertainment Organizer": 64MB (erweiterbar‑per Memory-Stick) sind zwar nicht die Welt, für kurze Filmchen (bei Verzicht auf die MP3-Funktionen) reicht es aber. Noch dazu, wenn die Filme (Format: MQV) via Bluetooth und Drei-Mobile oder (dort, wo sich ein ungeschütztes WiFi-Netz finden lässt)‑ ohnehin rasch das Weite (oder die Onlineredaktion des Standard) suchen. Und: Ja, surfen geht auch. Doch vor allem die schwenkbare Knopfkamera überrascht Zuschauer – darunter auch "echte" Kameraleute – stets: Während die Clié-Fotoqualität auf Handyniveau grundelt, genügen 40-Watt-Lampen in Kellergängen, um webtaugliche Clips zu erstellen. Nur der Ton – ausgepegelt wird automatisch – ist in lauter Umgebung heikel.

Das schwarze Wunder

Außerdem kann, wer Videos zu oft vorspielt, sein schwarzes Wunder erleben: Der Akku ist alles andere als ein Goliath. Denkbar unsympathischauch der Umgang von Sony mit Apple-Usern: Software, die den Clié auch mit Mac-Computern kommunizieren lässt, ist im Lieferumfang des 600 Euro teuren Spielzeuges nicht enthalten und muss mühsam gesucht und (um etwa 35 Dollar) bestellt werden. Ach ja: Die erste Frage angesichts des UX50 lautet meist: "Seit wann läufst du mit einer Puderdose herum?"(Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe vom 10./11./12.4.2004)

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