Diskussion wie im letzten Jahrhundert

22. Juli 2004, 11:41
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Eine Replik von Christian Fiala auf "Männer denken über Abtreibung nach"

dieStandard.at bringt die Stellungnahme von Dr. Fiala, Gynäkologe und Gynmed-Ambulatorium-Betreiber, im Wortlaut:

Betrifft: Männer denken über Abtreibung nach

Sehr geehrte Eva Linsinger,
Sehr geehrter Peter May,

Es ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz gewisse politische und religiöse Kommentare die Ursachen, bzw. die Vorbeugung von Schwangerschaftsabbrüchen ausblenden. Unverändert wird seit Jahrzehnten mit inhaltlich falschen, aber dafür umso emotionelleren Meldungen Politik gemacht. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, wie ungewollte Schwangerschaften verhindert werden könnten, damit es gar nicht erst zu einem Abbruch kommt. Diese Ausblenden der Prävention ist besonders tragisch in einem Land, das sich zwar geographisch mitten in Europa befindet, in der Diskussion über Verhütung jedoch im letzen Jahrhunderts stehen geblieben ist.

Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass es unnötig viele ungewollte Schwangerschaften und damit Abbrüche gibt, solange die Strukturen in diesem Land es den Menschen, insbesondere Jugendlichen und sozial Schwachen, sinnloserweise schwer machen, sich in ihrer Sexualität zu schützen. In fast allen europäischen Ländern ist es selbstverständlich, dass Verhütungsmittel kostenlos sind, zumindest für gewisse Teile der Bevölkerung. Währenddessen, müssen in Österreich nicht nur sozial schwache Frauen alles selbst bezahlen, sondern junge Frauen müssen ihre Eltern um Erlaubnis fragen, ob sie die Pille nehmen dürfen, solange sie bei diesen mitversichert sind.

Die PolitikerInnen sind aufgefordert, alle Möglichkeiten der Vorbeugung auszuschöpfen: Ausbildung von LehrerInnen zur Sexualerziehung, Verhütung für Jugendliche und sozial Schwache auf Krankenschein, Kondomautomaten auch in Schulen, die "Pille danach" rezeptfrei, so wie es derzeit bereits in acht europäischen Ländern der Fall ist, etc. Die derzeitigen Widerstände gegen diese Maßnahmen sind direkt mitverantwortlich für die vielen unnötigen ungewollten Schwangerschaften und damit Abbrüche. Maßgebliche PolitikerInnen gehen mit keinem Wort auf diese überfälligen Maßnahmen der Prävention ein. Sie erwecken damit den Eindruck, es gehe ihnen gar nicht um eine Reduzierung von Abbrüchen, sondern um die Umsetzung eines ideologischen Weltbildes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Christian Fiala

Gynmed Ambulatorium
Mariahilfergürtel 37
A-1150 Wien
Hotline: 0699 178 178 00
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Gynmed
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