Vegetabiles Doping für den Feldhasen

10. April 2004, 19:30
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Wiener Forschungen zeigten: Ungesättigte Fettsäuren ermöglichen Meister Lampe einzigartige Sprintstarts

Die Schnelligkeit von Hasen ist - nicht nur zu Ostern - sprichwörtlich: Innerhalb kürzester Zeit können sie auf bis zu 80 Stundenkilometer beschleunigen und laufen damit viermal schneller als vergleichbare Säugetiere. Vor kurzem haben Wissenschafter des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien herausgefunden, woraus die herausragenden Sprinterqualitäten der Feldhasen resultieren könnten: In ihrer Muskulatur findet sich ein besonders hoher Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren.

Die Säuren übernehmen dabei aber nicht einfach die Rolle des Treibstoffs, der bei Bewegung verheizt wird. Stattdessen könnten sie als besonderes Kälteschutzmittel dienen, das dafür sorgt, dass die Muskeln bei plötzlicher Beanspruchung ohne Aufwärmphase sofort voll beansprucht werden können.

Dass ungesättigte Fettsäuren eine Rolle beim Umgang mit Kälte spielen, fanden Forscher desselben Instituts in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt am Beispiel frei lebender Murmeltiere heraus. Die Wissenschafter analysierten die Bedeutung von Linol- und Alpha-Linolensäure, beides mehrfach ungesättigte Fettsäuren, für Dauer und Verlauf des Winterschlafs, bei dem die Körpertemperatur auf extrem tiefe Werte absinkt.

Dazu bekamen 57 Tiere in einem Hochtal im Schweizer Kanton Graubünden Miniatursender in die Bauchhöhle implantiert, durch die die Schwankungen der Körpertemperatur über drei Winter hinweg verfolgt werden konnten. Außerdem wurden Murmeltiere zu verschiedenen Zeitpunkten bei der Nahrungsaufnahme beobachtet und von Wildhütern im Rahmen planmäßiger Bestandsregulierungen erlegt. Der Mageninhalt dieser Tiere wurde botanisch und chemisch analysiert und mit dem vorhandenen Pflanzenangebot verglichen. Zusätzlich entnahmen die Forscher Fettproben zur Analyse der Fettsäurezusammensetzung.

Die Versuche zeigten, dass Tiere, die zum Aufbau des Fettdepots im Sommer besonders viele Gräser und Kräuter mit hoher Konzentration an Linolsäure gefressen hatten, im darauf folgenden Winterschlaf tiefere Temperaturen vertrugen, die Ruhephase weniger oft unterbrachen und deshalb insgesamt weniger Energie verbrauchten, wodurch sie auch weniger Gewicht verloren. Alpha-Linolensäurehältiges Futter mieden die Tiere eher, was die Forscher damit erklären, dass mit der Zahl der Doppelbindungen auch ein gegenteiliger Effekt eintreten könnte: Freie Radikale könnten entstehen und die Zellen schädigen.

Offensichtlich helfen mehrfach ungesättigte Fettsäuren dem Körper, mit Kälte umzugehen. Diese Hypothese bestätigte sich nun auch beim Feldhasen, der keinen Winterschlaf hält, aber bei tiefen Temperaturen erstarrt. 66 Prozent aller in Meister Lampe vorhandenen Fettsäuren sind mehrfach ungesättigt. "Dieser extrem hohe Anteil übersteigt sämtliche bisher bei Säugetieren gemessenen Werte", zeigten sich die Zoologen beeindruckt. Interessanterweise fanden sich die hohen Konzentrationen auch nur in jener Skelettmuskulatur, die für die plötzliche Bewegung zuständig ist. In anderen Körperteilen fielen die Werte geringer aus.

Die Aufnahme von mehrfach ungesättigten Fettsäuren lernen die Hasen schon mit der Muttermilch: Sie ist mit einem Fettanteil von mehr als 20 Prozent hoch konzentriert, damit die Jungen unter vergleichsweise schwierigen Bedingungen überleben können. So kommt die Häsin nur ein Mal täglich für wenige Minuten zum Säugen, die Jungen müssen aber genügend Energie aufnehmen, um sich auch bei niedrigen Temperaturen warm zu halten. Die Wiener Veterinärwissenschafter wollen nun klären, ob die ungesättigten Fettsäuren tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Muskelfunktion haben. In den vielen Vorteilen der Fettsäuren liegt für die Hasen aber auch ein großer Nachteil: Durch sie wird das Fleisch der Feld-und Osterhasen für ernährungsbewusste Menschen zu einem besonders gesunden Lebensmittel. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 4. 2004)

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