Wien: Nächte mit dem maschinellen Lebensretter

14. April 2004, 09:54
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Während Politiker über die Dialyse streiten, haben Patienten andere Sorgen - die Maschinen müssen ihr Blut von Giftstoffen befreien

Während Politiker über die Dialyse in Wien streiten, haben Pflegepersonal und Patienten andere Sorgen. Die lebensrettenden Dialysemaschinen müssen bereit sein, um Blut von Giftstoffen zu befreien. Mehr zählt nicht im Mehrschichtbetrieb - und sei es um Mitternacht.

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Wien - Zur Maschine, "die mein Leben rettet", hat Günther Böhm schon fast ein persönliches Verhältnis. Zu den Menschen, die ihn in der Station 1 für chronisch kranke Dialysepatienten am AKH diese Nacht umsorgen, auch. Er kommt seit mehr als drei Jahren her; jeden Montag, Mittwoch und Freitag - in Summe fünfzehn Stunden. "Du, der Druck passt nicht." Die Krankenschwester kontrolliert am Monitor der Dialysemaschine Zahlen und Kurven. "Das ist, weil du aufgestanden bist." Böhm zupft an Schläuchen, die vom Arm zur Maschine führen. Es ist Viertel vor elf.

Viereinhalb Stunden

An diesem Mittwochabend schaut er im Spital "Report". Den Fernseher hat er von daheim mitgebracht. Immer bevor er die viereinhalbstündige Blutwäsche beginnt, "baue ich mir alles auf". Fernseher, ein "gutes Pappi", den Computer. "Ich bin leidenschaftlicher EDV-Techniker", darum packt er im Bett auch oft den Laptop noch aus und programmiert "ein bissl fürs Büro". Der 35-Jährige ist stolz, dass er trotz Nierentransplantation und lebenslanger Dialyse an seinem Arbeitsplatz zu den Mitarbeitern mit den wenigsten Krankenstandstagen zählt.

Böhm und Frau S., sie liegt zwei Betten weiter, nehmen die abendliche Dialyse in Kauf. Anders ist das mit ihren Jobs nicht vereinbar. Beide kommen sie jeweils um 19 Uhr ins Spital, werden an die Maschine angeschlossen. "Ich komme dann erst um eins nach Hause", sagt Frau S. Sie liegt mit Jeans und einem bequemen T-Shirt im Bett, die Kopfhörer des Walkman hat sie beiseite gelegt.

Schläuche und Filter

Durch zwei Schläuche, die über die Bettdecke verlaufen, rinnt das Blut. In dem rot gekennzeichneten fließt das Blut vom Körper in die Maschine, wird dort durch einen Zylinder mit Filtern aus feinsten Membranen gepresst. Im blauen Schlauch fließt das schadstoffbefreite Blut wieder in ihren Körper zurück.

Die Hauptsorge von Frau S. gilt jedoch ihrem Lebensunterhalt. Sie ist freie Dienstnehmerin. Sie kann sich nicht tagsüber dialysieren lassen. Sie würde keinen Groschen verdienen. "Wenn ich hier schlafen könnte, würde ich um Mitternacht erst kommen." Dann würde sie sich nachts das Blut reinigen lassen, am nächsten Morgen wieder arbeiten gehen. Leider, Schlafplätze sind im AKH nicht vorgesehen.

Frau S. kann leider hier nicht lesen. Zu laut, zu voll, alles mit Betten und Geräten verstellt. "Die tun hier ihr Bestes, aber es platzt aus allen Nähten", findet sie. Oberpfleger Christian Handler berichtet von Zubau- und Ausbauplänen der Dialysestation. Konzepte habe man bereits erstellt. Jetzt sei aber wieder alles gestoppt. Neue Konzepte, neue Ideen, zu wenig Geld. Was auch immer.

Debatte

Die Debatte über die Dialysesituation in Wien bekommen hier alle mit. Patienten wie Mitarbeiter. Erst recht, sagt Frau S., als hier auf der Station vor ein paar Wochen "ein Fernsehteam eingefallen ist" und Patienten zum Tod einer 72-Jährigen befragte.

Pflegechef Handler ist traurig über diese Geschichte. "Das ist sicher nicht fahrlässig passiert." Man möge doch bitte die Untersuchungen abwarten, ehe Vorverurteilungen geäußert werden. "Wir brauchen uns nicht hinstellen lassen, als ob wir Böses tun." (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe 10.4.2004)

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