Madam & Mandela

16. April 2004, 15:10
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Südafrikas beliebtester Comic Madam & Eve geht durch alle Wirren der Transformationszeit

Noch immer ist Nelson Mandela der "Madiba", der "Vater" - die große Symbolfigur für den Widerstand der schwarzen Bevölkerungsmehrheit Südafrikas gegen die Apartheid. Mandelas Witz und sein Lächeln verleihen ihm noch im hohen Alter jugendlichen Charme, er versprüht seine "Madiba Magic".

Mandela ist einer der wenigen vom regierenden Afrikanischen Volkskongress (ANC), von dem man weiß, dass er zum Lachen nicht in den Keller geht. 85.000 Menschen jubelten ihm am vergangenen Wochenende in Soweto bei der letzten ANC-Wahlveranstaltung vor den dritten freien Wahlen am 14. April zu. Andere ANC-Politiker wirken neben ihm blass, keiner erreicht auch nur annähernd ähnliche Sympathiewerte.

Spaß mit Madam

Ähnliche Sympathiewerte bekommt auch Südafrikas populärster Cartoon "Madam & Eve", der seit 1992 ununterbrochen in verschiedenen Zeitungen im Land am Kap erscheint und die Dekade der Demokratie ebenso begleitet hat wie die Ikone Mandela. Die weiße Madam Gwen Anderson ist ein bisschen dumm, aber lernfähig, dass zum Beispiel Schwarze auch Menschen sind. Die schwarze Haushälterin Eve Sisulu ist hingegen durchtrieben, selbstbewusst und hat ihren Spaß mit Madam.

Stets ist der Cartoon eine aktuelle Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Politik. Die Hoffnungen und Träume der Südafrikaner werden ebenso wie die Ängste und politischen Skandale beschrieben. "Endlich frei!", jauchzte Eve, als vor zehn Jahren die Apartheid endete. "Aber vergiss nicht, das Geschirr abzuwaschen", antwortete damals Madam trocken.

Mikrokosmos Südafrikas

Bis heute gehen die beiden Frauen gemeinsam durch alle Wirren der Transformationszeit. Sie haben etwas von einem alten Ehepaar, das sich hasst, aber auch irgendwie liebt und sich zum täglichen Überleben braucht.

Während seiner Regierungszeit von 1994 bis 1999 zeigte Mandela keine Rachegelüste an den weißen Unterdrückern - eine Charaktereigenschaft, für die er international bewundert wird. Auch den Karikaturisten Stephen Francis, Harry Dugmore und Rico Schacherl, die für "Madam & Eve" verantwortlich zeichnen, ist Häme fremd.

"Wir haben oft gar nichts erfinden müssen. Es war ja alles da", sagt Rico Schacherl, der die beiden Figuren Woche für Woche zeichnet, und - erraten! - in Österreich zur Welt kam. Über "Madam & Eve" wird ein Mikrokosmos Südafrikas eingefangen, und darin liegt auch das Erfolgsrezept. "Wir müssen immer die Gratwanderung zwischen Unterhaltung und politischem Cartoon machen", sagt Rico.

"Endlich frei!"

27 Jahre saß Mandela in einer winzigen Zelle, die meiste Zeit auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt. Nach seiner Freilassung am 11. Februar 1990 verkündete er die Schaffung einer "Regenbogennation", in der die Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe gleiche Rechte genießen sollten. "Ruft es von den Dächern: Endlich frei!", verkündete er.

Für Madam Gwen und ihre durchaus rassistische Mutter gilt das Wort Mandelas nicht so ganz. Madam verteidigt verbissen ihre herrschaftlichen Vorrechte, Mutter kämpft für Gin und Tonic, und beide wollen Eve um jeden Preis an der kurzen Leine halten. Gleichberechtigung spielt es nur im Fernsehapparat, vor dem sich alle allabendlich versammeln.

Wenn Mandela, der im Cartoon nur als Schattenriss dargestellt wird, Unrecht wittert, weicht der ausgleichende Charakter einer scharfen Zunge. Zuletzt beim Irakkrieg, als er George W. Bush als "Präsidenten, der nicht denken kann", bezeichnete.

Big-Brother-Container

Madam & Eve gingen die Sache noch direkter an: Zuerst enttarnten sie Saddam Hussein beim Einkaufen mutmaßlicher Massenvernichtungsmittel im "Pick 'n' Pay"-Supermarkt nebenan. Dann waren die USA verantwortlich für Kollateralschäden, die Eve in der Küche anrichtete. Und schließlich landete Bush gemeinsam mit Saddam im Big-Brother-Container. Dort durften die beiden die Sache dann unter sich ausmachen. Südafrika lachte.

Die Verhältnisse sind noch längst nicht so, dass Madam & Eve im zehnten Jahr der Freiheit überflüssig wären. "Heute ist es nicht mehr purer Rassismus, sondern der ökonomische Druck, der Madam & Eve möglich und alltäglich macht", meint Rico. Ohne Mandela und den ANC, immerhin die älteste Widerstandsbewegung Afrikas, gäbe es heute keine Demokratie in Südafrika. Aber ohne Madam & Eve hätte es in den vergangenen zehn Jahre am Kap weit weniger zum Lachen gegeben. (Gerhard Plott/DER STANDARD/ALBUM, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

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