Philanthropie machte die USA zur führenden Wissenschaftsnation

16. April 2004, 11:54
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Magnaten wie Carnegie und Rockefeller: Big Spenders für die Wissenschaft

Es war einmal ein Industriemagnat in den USA. Der war so vermögend, dass er nicht wusste, wohin mit seinem Geld. Also dröhnte er, es sei "eine Schande, reich zu sterben", und forderte in einem Aufsatz mit dem klingenden Namen "Gospel of Wealth" alle Millionäre auf, der Allgemeinheit ein wenig von ihrem Reichtum zurückzugeben. Der kleingewachsene und exzentrische Schotte steckte nach dem Verfassen des Dokumentes - der ersten schriftlichen Anleitung zum Spenden - bis zu seinem Tod im Jahr 1919 mehr als 300 Millionen Dollar (auf den heutigen Geldwert umgelegt fast sechs Milliarden) in die verschiedenen Stiftungen, die alle seinen Namen tragen: Andrew Carnegie, der Stahlindustrielle mit dem unermesslichen Reichtum und mit dem puritanischen Zweifel an den Fähigkeiten von Erben, gilt heute als der Vater der wissenschaftlichen Philanthropie, die sich in Stiftungen, den so genannten Foundations, materialisiert.

Und da war noch dieser andere Magnat in Übersee, John D. Rockefeller senior mit Namen. Der Ölbaron tat es seinem Kollegen Carnegie gleich. Mit 183 Millionen Dollar (heute 3,5 Milliarden) stattete er 1913 seine Rockefeller Foundation aus und legte zusammen mit Carnegie den Grundstein für eine Wissenschaftsförderung, die Nordamerikas Forschungslandschaft in die erste Liga katapultierte und von der nicht wenige - auch europäische und österreichische - Wissenschafter in Form von Stipendien profitieren sollten.

Zum Beispiel der Sozialpsychologe Paul Lazarsfeld, ein früher Teilnehmer am Brain-Drain, der 1933 als Stipendiat der Rockefeller Foundation in die USA ging, 1935 nach Österreich zurückkam und seine sieben Sachen definitiv packte, um in die USA zurückzufahren, wo er sich dank Forschungsgeldern von der Rockefeller Foundation an die Erforschung des damals jungen Mediums Radio machte. Bis zu seinem Tod 1976 lehrte er als Distinguished Professor für Sozialwissenschaften an der Columbia-Universität in New York. Oder die Psychologin Charlotte Bühler, die ein Stipendium nutzte, um sich mit dem amerikanischen Behaviorismus in der Psychologie vertraut zu machen.

"Die Rockefeller-Stipendien etablierten so über eineinhalb Jahrzehnte hinweg den transatlantischen Austausch von Ideen und Personen", erzählt der Soziologe Christian Fleck, der in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt die Bedeutung der Rockefeller Foundation für die Sozialwissenschaften in Europa bearbeitet. Dabei entstehen Erkenntnisse, die der österreichischen Förderungslandschaft heute durchaus dienlich sein könnten. So mutet zwar die Art und Weise, in der die Rockefeller-Stiftung ihre europäischen Stipendiaten fand, aus heutiger Sicht recht seltsam an.

Das Europa-Büro der Stiftung mit Sitz in Paris beschäftige Wissenschaftsagenten, die durch Europa reisten und die besten Köpfe für ihr Programm anheuerten. "Die Agenten kontaktierten in den verschiedenen Ländern Vertrauensleute, die ihnen den förderungswürdigen Nachwuchs vorschlugen", erklärt Fleck dieses Scout-Modell, in dem der Grazer Forscher eine Chance der Optimierung der heimischen Wissenschaftsförderung sieht: "Die Wissenschafter, die am lautesten schreien, sind ja nicht immer die besten. Die Schüchternen und Verschrobenen müssen erst ermuntert werden."

Fleck erzählt diesbezüglich die absurde Geschichte des polnisch-wienerischen Psychologen Gustav Ichheiser, Berufsberater der Gemeinde Wien vor 1934, der in der Emigration zehn Jahre in der Psychiatrie verbrachte, wo er fortfuhr, wissenschaftliche Aufsätze zu schreiben. Diese fielen einem Funktionär der Rockefeller Foundation zufällig in die Hände, der Ichheiser zu einem Forschungsantrag ermutigte und ihn in die Forschung zurückholte. Die Psychiatrie entließ ihn daraufhin als geheilt.

Die Rockefeller Foundation vergab aber nicht nur Stipendien für jüngere Wissenschafter und förderte einzelne Forschungsvorhaben. Sie ließ durch mehrjährige Zuwendungen umfangreiche Forschungsvorhaben - vor allem in den Naturwissenschaften - erst entstehen, wie die frühe Computerforschung und die Molekularbiologie: "Die Genetik der 30er-Jahre wäre ohne Rockefeller Foundation nicht denkbar. Die Männer der Stiftungen erkannten diesen Zweig als zukunftsträchtig", analysiert Fleck. Zu unterschätzen sei dennoch nicht die prägende Wirkung der Institution auf bestimmte Teile der Sozialwissenschaften: auf die empirische Sozialforschung beispielsweise ebenso wie auf die Konjunkturanalysen im Anschluss an die Weltwirtschaftskrisen.

Möglich war die Forschungsförderung mittels Stiftungen in einer Gesellschaft, welche den Begriff der Wohltätigkeit (charity) - der Hilfe für Notleidende - zum Programm erhoben hatte sowie an die Startgleichheit der Individuen glaubte - unter anderem durch eine gerechte Verteilung von Wissen: "Zu Beginn ermöglichte die Spende der Gemeindemitglieder noch den Betrieb einer Sonntagsschule. Nach dem Bürgerkrieg richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Erziehung der damals noch ,negroes' genannten Kindeskinder der aus Afrika verschleppten Sklaven. Das System der Public Libraries verdankt seine Entstehung fast vollständig privater Initiative und half Einwanderern jeden Bildungsgrades bei ihrem Bemühen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden", skizziert Fleck die Entstehungsgeschichte des Spendenwesens, das bald in Allianz mit der Wissenschaft treten sollte.

Als sich die sozialen Probleme der Massengesellschaft verdichteten, ging man über zur Erforschung der Gründe für die sozialen Übel und investierte, dank der Wissenschaftsgläubigkeit, in die medizinische Forschung, in Kampagnen zur Beseitigung von Seuchen, Epidemien und Infektionsherden sowie in Public Health: Carnegie, Rockefeller und Ford damals, heute auch Millionäre wie Bill Gates. Die Geschichte des Stiftungswesens der USA ist nur ein keiner Teil des von Christian Fleck unternommenen Forschungsvorhabens zu Rockefeller und den Sozialwissenschaften. Insgesamt liegen bereits 600 Manuskriptseiten vor, die kommendes Jahr als Buch erscheinen sollen. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 4. 2004)

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