Die geisteskranke Vettel China

16. April 2004, 21:11
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Ha Jin in "Verrückt" über das Massaker von Tienanmen und geplatzte Illusionen

So schnell ändern sich die Zeiten: 1989, gerade einmal zwölf Jahre nach dem Tod des Großen Vorsitzenden, werden die Propagandalieder der Kulturrevolution nur mehr als "peinlich" empfunden. Die Sitten sind lockerer geworden. Der Student Jian, angepasst und emsig, ist jedenfalls unangenehm berührt, als er seinen verehrten Literaturprofessor die abgedroschenen, unsäglich naiven Hymnen von Anno Schnee schmettern hört. Doch der Professor hat Narrenfreiheit. Er ist schwer krank und brabbelt den ganzen Tag vor sich hin. Erinnerungsfetzen aus seiner traumatischen Vergangenheit als verfolgter Intellektueller, Andeutungen einer Liebesgeschichte, Zitate von Dante und Goethe - aus diesem Durcheinander versucht Jian voll Neugier, die Biografie seines Lehrers und zukünftigen Schwiegervaters zusammenzutragen.

Ha Jin, der 1985 in die USA immigriert ist, schildert mit minutiös-realistischer Deutlichkeit die düsteren Vorzeichen, die dem Massaker am Tienanmen vorangingen. Die Wellen eines fernen Bebens erreichen die Provinz. Den Studenten der Universität Shanning wird vorsorglich verboten, an Demonstrationen teilzunehmen, aber sonst geht alles seinen normalen Gang.

Jian aber möchte wie alle gerne in der Hauptstadt studieren, dazu braucht es vor allem Protektion. Und während er am Krankenbett des Professors sitzt und an die Freundin denkt, die sich in Peking auf ihre Medizinprüfungen vorbereitet, wird hinter seinem Rücken heftig intrigiert. Mit nüchternem Pragmatismus werden Heiraten arrangiert, Beziehungen geknüpft, es wird bestochen, erpresst und bespitzelt. Jian kommen existenzielle Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Studiums, als er das Leben der total verarmten Landbevölkerung kennen lernt. Aber für Altruismus hat die Freundin nichts übrig. Weil Jian keine akademische Karriere mehr anstrebt, verlässt sie ihn blitzartig. Und Ha Jin schickt seinen traurigen Helden aus ganz privatem Liebeskummer nach Peking, mitten hinein in die Hölle der Studentenproteste und eines ausrastenden Militärs.

Jian verfolgt "eine schreckliche Vision. Ich sah China als alte Vettel, so heruntergekommen und geisteskrank, dass sie ihre eigenen Kinder fraß." Gefängnis oder Irrenanstalt, das sind nach wie vor die Alternativen für Konterrevolutionäre, eine dritte ist die Flucht. Ha Jins dritter Roman über die Sinnsuche in Zeiten des Umbruchs ist wie gewohnt meisterlich, ziemlich düster und manchmal beißend sarkastisch. Seinem gebeutelten Antihelden möchte man jedenfalls gerne wiederbegegnen. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Ingeborg Sperl

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    Ha Jin:
    Verrückt
    Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck, € 15,50,
    316 Seiten, dtv Premium, München 2004.

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