Frieden ohne Formeln

16. April 2004, 21:11
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Jonathan Schell analysiert brillant die globalen Probleme, gibt aber kaum Lösungsvorschläge

Wie kann die Nation ihr kollektives Selbst definieren, ohne mörderische Feindseligkeiten gegenüber anderen zu entwickeln?" Das ist für Jonathan Schell die Quadratur des Kreises in der internationalen Politik. Kriege aller Art in beliebigen Kombinationen zwischen "entwickelten", "unfertigen" und "gescheiterten" Staaten haben die neuere Geschichte der Menschheit definiert und ein immer größeres Aggressionspotenzial freigesetzt. Heute ist ein Niveau allumfassender nuklearer Bedrohung erreicht und durch die Ausbreitung der entsprechenden Technologie immer unberechenbarer geworden, dazu kommt die Gefahr einer Weitergabe viel handlicherer, nämlich biologischer und chemischer Waffen an Staaten und terroristische Gruppierungen.

Soweit das beunruhigende Szenario, das der New Yorker-Journalist und Buchautor Schell über lange Passagen seines neuen Buches Die Politik des Friedens ausbreitet. Schell geht - so auch der Originaltitel - von einer "nicht eroberbaren Welt" aus und von der Tatsache, dass nach dem 11. September die USA dennoch auf dem Weg von der Republik zum Imperium sind, das allen anderen Nationen seinen Willen aufzwingen will.

Dem setzt er mehrerlei entgegen: die historische Erfahrung, dass solch ein Ansinnen langfristig zum Scheitern verurteilt ist; die spezifischen Bedingungen der postkolonialen Welt, die neues politisches Handeln ermöglichen, ja erfordern; und hier speziell die Chancen einer Friedensstrategie, die sich auf Vorbilder wie Gandhi oder Havel beruft und die Chancen einer veränderten Gegenwart nutzt.

Es ist gut, dass Schell, statt sich auf eine vereinfachende Formel à la "Ende der Geschichte" oder "Kampf der Kulturen" einzulassen, sehr genau, faktenreich und alle Widersprüche verfolgend argumentiert. Es ist weniger gut, dass er sich letztlich auf die Vernunft der Menschen verlässt, die doch überzeugend genug diskreditiert worden ist. Seine politologische Argumentation ist kaum durch sozialpsychologische oder ethnologische Erkenntnisse beeinflusst und liest sich manchmal wie ein sehr langer Zeit-Leitartikel ("man sollte ... man müsste ...").

So beruhen denn, bei aller Brillanz seiner Analyse des Status quo, die von ihm vorgeschlagenen Lösungen auf dem guten Willen der Beteiligten: der internationalen Zivilgesellschaft, der feministischen Revolution, vor allem der Staaten, die sich ihre Souveränität ausreden und als "widerrufliche Konzession" neu anbieten lassen. Der Frage der Durchsetzung seiner Vision vom Frieden widmet Schell ("ich bin kein Pazifist") den geringsten Raum. Die Kapitel über gegenseitige Abschreckung, Gewaltfreiheit und über den bürgerlichen Staat jedoch lohnen die Lektüre allemal. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Michael Freund

Jonathan Schell:
Die Politik des Friedens
Dt. von Heiner Kober, € 26,90/414 Seiten, Hanser, München 2004.
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