Aus dem Erzählgeschäft

10. April 2004, 15:00
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Michael Köhlmeier zeigt in seinen "stories" das große Rätsel im Kleinen

Eine "gute Story", heißt es nach amerikanischem Muster zunehmend auch in Europa, sei der Grundstoff tragfähiger literarischer Konfektion. Als ein exponierter Vertreter dieses Geschäfts gilt hierzulande seit gut zehn Jahren Michael Köhlmeier. Nachdem Ingo Schulze mit seinem Roman Simple Storys 1998 einen beträchtlichen Erfolg verbuchte - und wie neuerdings Peter Stamm (In fremden Gärten) prompt mit Carver, Ford & Co. verglichen wurde -, nennt nun Köhlmeier die kurzen Geschichten seines neuen Bandes "38 stories".

Größere Zusammenhänge verspricht der Titel Roman von Montag bis Freitag, also quasi Werktagsprosa. Köhlmeier gelingt es, nicht nur einige Absonderlichkeiten und Käuze, sondern auch allerhand Alltäglichkeiten und scheinbar gewöhnliche Leute in eine gekonnte narrative Knappheit zu packen. Lebensabschnitte, die bisweilen Vergangenheiten und weitere Schicksalswege der Figuren andeuten, sind um das Erzählzentrum des Ich in einer Vorarlberger Stadt angeordnet.

Sie verweisen auf die Person des Autors und auf seine Umgebung, lassen zugleich das Auswählen, Ordnen, Gewichten beim Erzählen durchscheinen und drehen sich variantenreich auch um das Reden, Aussprechen, Weitersagen. Köhlmeier liefert Nachrichten aus der Nachbarschaft, kleine Episoden von Gefühlsausbrüchen, von Unsicherheiten, von Liebe und von Hass, von Bekanntschaften, die für einen Moment aus der Vergessenheit auftauchen, oder auch von Menschen, die wir in Supermärkten immer wieder sehen, ohne mit ihnen je ein Wort zu wechseln. Eine Frau hat sich die halbe Zunge abgebissen, und nun wird der Mund ihres Gatten zu ihrem Sprachrohr; zwei kichernde Greisinnen bewerfen einen Passanten mit Nüssen; ein eigensinniger Maurer ist gezwungen, sich selbst sein Haus zu bauen, und lässt es dreißig Jahre als Rohbau stehen; ein Mann will Bundespräsident werden; zwei Nachbarn reden über ein Hagelunwetter.

Dabei fungiert der Erzähler als genauer Beobachter, als selektiver Weiter-Erzähler, der beileibe nicht über alle Gründe und Hintergründe Auskunft zu geben vermag - was hinter dem halb offenen Fenster passiert, aus dem man einen Mann schreien und vom Umbringen brüllen hört, bleibt ungewiss. So schafft Köhlmeier in einigen seiner Miniaturen existenzielle Konzentrate, berührend wie "Heimkehr", nüchtern und doch rätselhaft wie "Pit Clausen", scheinbar beiläufig wie "Und was heißt das jetzt?", der Story-Titelsatz einer jungen Frau, neben der der Ohrenzeuge an der Ampel zu stehen kommt und mit der vermutlich gerade per Handy-Anruf "Schluß gemacht" wird.

In manchen Geschichten passt jedes Wort, etwa in jener des jüdischen Freundes, dessen Familie so oft vertrieben wurde und der so viele Sprachen, aber doch keine beherrscht. Ein paar Mal drückt Köhlmeier allerdings zu sehr auf die Kontrast-Tube des Kleinen und des Großen, des Urbanen und der Natur. Da arbeitet am 11. September 2001 eine Frau im Garten, weiß noch nichts vom Weltgeschehen, riecht am gejäteten Unkraut - und mit dem letzten Rufzeichen-Satz muss die Geschichte noch einmal den narrativen Zeigefinger auf sich selbst richten: "Was für einen Duft mußte dieses Kraut ausströmen, daß die Frau so lange Lust daran haben konnte!" Gewiss, Köhlmeier versteht sein Erzählgeschäft, er vermag aus kleinen Stücken eine Welt vorzuführen. Es bleibt freilich das Gefühl, als sitze man vor einem Café und sehe Storys vorbeiziehen, ein wenig zu sauber und harmlos. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Klaus Zeyringer
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    Michael Köhlmeier:
    "Roman von Montag bis Freitag. 38 stories"
    € 16,90/168 Seiten, Deuticke, Wien 2004.

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