Dichtung ist wie Alkohol

16. April 2004, 21:11
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Hans Magnus Enzensberger im STANDARD-Interview über Deutschland, Joseph Roth, die EU-Osterweiterung und Saddam Hussein

ALBUM: Sie haben als Kind in Nürnberg den Beginn des Abschlachtens und der Zerstörung Europas miterlebt, wie hat Sie diese Erfahrung beeinflusst?

Enzensberger: Wahrscheinlich ist jeder in gewissem Maße durch historische Erfahrungen geprägt, und meine waren natürlich, dass ich in Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges aufgewachsen bin und auch die Nachwehen des Krieges miterlebt habe. Ich war ein Kind bei Kriegsende, ich war 17, das hinterlässt unauslöschliche Spuren. Obwohl ich die jungen Leute nicht beneide, die in der Nachkriegszeit groß wurden, in Zeiten ökonomischen Wohlstands, weil diese Erfahrungen einem einen Background vermitteln, eine Dimension, die nicht erklärbar ist.

ALBUM: Sind Sie deshalb Dichter geworden?

Enzensberger: Man kann nur ganz schwer sagen, wie man Dichter wird. Das hat wahrscheinlich etwas mit Sprache zu tun, das Ding, das im Kopf widerhallt. Man entwickelt einen Sinn für Phrasen, für Metaphern, für Verse und Rhythmen und so weiter. Das ist ein natürlicher Prozess und hat nichts mit Ehrgeiz zu tun, man plant nicht, ein Dichter zu werden. In gewisser Hinsicht ist es ein Laster, wie ein Alkoholiker, der zu trinken beginnt. Der erkennt auch nicht, was das alles bedeuten soll, was das alles mit einschließt. Er fängt einfach an, etwas zu trinken. Und genauso beginnt man, einen Vers zu schreiben oder mehrere, und nach einer Weile entdeckt man, dass man es nicht bleiben lassen kann. So wird es mehr als eine Gewohnheit. Ich konnte es nicht auf sich beruhen lassen, das war alles.

ALBUM: Joseph Roth sagte, dass der Mensch ein Rätsel ist und es nicht möglich sei, ihm zu helfen.

Enzensberger: Ich kann einer anderen Person in bescheidenem Ausmaß helfen, aber ich glaube nicht, dass ich der Menschheit helfen kann.

ALBUM: Kann die Literatur helfen?

Enzensberger: Das kann ich nicht sagen. Wenn jemandem durch Literatur geholfen wird, dann geschieht das zufällig. Ich möchte keine großen Forderungen ableiten aus dem, was wir machen. Eine Menge Unsinn wurde mit Dichtern gemacht, die zur Stimme des Vaterlands wurden, zu Propheten, großen Sehern, zum kollektiven Gewissen, Väter des Vaterlands und so weiter. Das ist keine Rolle, die ich spielen möchte.

ALBUM: Betrachten Sie Ihre Gedichte als politische Gedichte?

Enzensberger: Wie Sie sehen, missfällt mir der Begriff des Dichters als Fachmann. Im 19. Jahrhundert hatte man die Vorstellung, dass der Dichter ein Spezialist für Emotionen, für Gefühle ist, für Sentimentalität, für die Natur. Und dann gibt es den Fachmann für Politik, der ein Dichter mit sozialem Engagement ist - der Mann, der auf der Tribüne steht und zu den Massen spricht. Ich persönlich mag all diese Spezialisierungen nicht.

ALBUM: Was ist mit der sozialen Verantwortung eines Autors? Josef Roth schrieb, dass er für die Massen sterben könnte, aber nicht mit ihnen leben.

Enzensberger: (lacht) Ich glaube nicht, dass man beschließen kann, ein moralischer Mensch zu sein. Das ist kein Akt des Willens. Künstler, Dichter, Philosophen, Intellektuelle sind nicht moralisch überlegen. Die Berichte über die Intelligenzia im 20. Jahrhundert liefern gute Gründe für Verdacht - es ist eine schreckliche Geschichte, durchsetzt mit Kollaboration in Dienste des Kommunismus und Faschismus. Also behaupten wir nicht, dass wir moralisch überlegen wären. Dafür gibt es keinen Grund.

ALBUM: Ihre Arbeit war ziemlich widersprüchlich.

Enzensberger: Aber ja, das ist normal, so soll es sein, das hoffe ich. Das ist ein Zeichen von Lebenskraft. Ich wäre enttäuscht, wenn man ihr mit lauwarmer, mildtätiger Gleichgültigkeit begegnete. Ich würde das nicht wollen.

ALBUM: Wie sehen Sie die Welt nach der Niederlage Deutschlands 1945?

Enzensberger: Als ich 17 oder 18 war, waren die Deutschen die Parias dieser Welt. Wir konnten kaum ins Ausland gehen, wir hatten keinen Pass, wir waren, moralisch betrachtet, ein Objekt der Verachtung. Der Böse war ein Deutscher. Und ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, aber sicherlich hatten die Deutschen eine Menge Glück in der Geschichte. Denn der Frieden, der zwischen den Alliierten und den Deutschen geschlossen wurde, war ein intelligentes Stück Arbeit, ganz anders als Versailles nach dem Ersten Weltkrieg. Aber natürlich hatten wird das nicht dem guten Herz der Alliierten zu verdanken, wir verdanken es den Russen. Wegen der Russen wurde Westdeutschland wieder auf die Füße gestellt, aus strategischen Gründen. In jedem Fall war es ein sehr bemerkenswerter und weitsichtiger Friede, der uns da gebracht wurde. Die Alliierten haben uns die Demokratie förmlich aufgezwungen. Und wirklich sensationell ist, dass es funktioniert hat. Deutschland wurde wieder lebenswert, in dieser Hinsicht war das eine Erfolgsgeschichte. Jetzt ist diese Geschichte natürlich am Ende.

ALBUM: Das Wunder ist Richtung Osten weitergezogen, im Irak und der Arabischen Welt steht ein Ringen um die Demokratie bevor.

Enzensberger: Ja, unter viel schwierigeren Umständen. Niemand weiß, wie sich die Sache entwickeln wird. Und es stellt sich auch die Frage, ob ein und dasselbe Muster auf alle Kulturen anwendbar ist. An dieser Stelle möchte ich eigentlich auch auflisten, was ich alles nicht bin: Ich bin kein Soziologe, ich bin kein Politikwissenschafter, bin kein Philosoph, kein Prophet und ich bin kein Zukunftsforscher.

ALBUM: Aber Sie wussten genug, um den Sturz Saddam Husseins zu unterstützen. Warum hat das in Deutschland derartiges Aufsehen erregt?

Enzensberger: Ich bin mir über die Ursachen auch nicht ganz im Klaren, aber in Westdeutschland gibt es natürlich eine pazifistische Tradition, was auf die beiden Weltkriege zurückzuführen ist, in denen die Deutschen von allen Beteiligten besiegt wurden, vielleicht zu ihrem eigenen Besten. Das Militär hat keinen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Das ist ein Seite der Erklärung. Die andere ist unser Verhältnis zu den USA, das sehr kompliziert ist, sehr mehrdeutig, fast zwiespältig. Es existiert eine gewisse Sympathie für, aber auch Abneigung gegen Amerika in der Welt. Was mich betrifft, habe ich vor allem eine politische Leidenschaft - meinen Hass auf Diktatoren. Diktatoren sind die schlimmsten Kriminellen in der ganzen Welt. Ich bejuble den Sturz jedes einzelnen Diktators.

Das ist eine Reaktion tief im Innersten. Es war ein wunderbarer Moment, als ich das Denkmal Stalins fallen sah! Ein Augenblick wahrer Freude. Aber selbst, wenn dem so ist, verteidige ich weder die amerikanische Außenpolitik, noch behaupte ich, dass die USA internationale Gesetze missachten dürfen, und ich sage auch nicht, dass die Lügen, die bei dieser Operation von George Bush aufgetischt wurden, keine waren. Ich halte einzig und allein daran fest, dass es zum Besten aller ist, wenn ein Scheißkerl wie Saddam Hussein verschwindet. Das ist alles.
ALBUM: Es war eine persönliche Freude.

Enzensberger: Ja, es war eine persönliche Freude, aber da steckt auch einiges an Erfahrung dahinter. Ich wäre nicht am Leben, wenn die Alliierten Hitler kein Ende bereitet hätten.

ALBUM: Warum?

Enzensberger: Weil ich nicht toleriert worden wäre. Ich wäre entfernt worden.

ALBUM: Sind wir damit nicht wieder in der Zeit Joseph Roths, als die Reiche fielen und Europa auseinander brach?

Enzensberger: Die alten Großreiche waren territoriale Reiche. Das hier ist eine neue Form des Reichs, das amerikanische Empire. Sie brauchen keine Gebiete annektieren, sie haben keine Kolonien. Sie annektieren die Wirtschaft, bleiben aber gleichzeitig Isolationisten. Manchmal tun mir die Amerikaner richtig Leid, weil es nicht gerade ein Segen ist, Nummer eins zu sein. Was auch immer man macht, ist falsch. Sobald man interveniert, ist man ein Imperialist, macht man es nicht wie in Ruanda, dann hat man seine Aufgabe nicht erledigt. Ich bin froh, dass wir keine große Macht in Europa sind, das ist viel besser so. Wer will schon Nummer eins sein? Die Deutschen haben das schon ein Mal probiert und sind gescheitert. Nein, vielen Dank.

ALBUM: Warum sollte einem dann die EU nicht Leid tun, deren derzeitige Erweiterung eine Form von Geltungsbedürfnis, wenn nicht sogar Irrsinn darstellt?

Enzensberger: Die Welt von Jalta ist vorbei, und das ist gut so. Ich fühle mich den Ungarn sehr verbunden, und ich fühle mich auch den Polen sehr verbunden, ich habe kein Problem damit, dass sie dazukommen. Was mich beschäftigt, um es einmal barsch zu sagen, ist der Mangel an Demokratie in dieser ganzen Konstruktion. Brüssel ist eine Bürokratie - es ist eine Art Politbüro, wo man sich hinter verschlossenen Türen trifft. Das beschäftigt mich. Nicht die Polen oder die Tschechen oder die Ungarn.

ALBUM: Also wo stehen wir jetzt in der Zeit?

Ich hatte in vielerlei Hinsicht Glück. Ich habe in Zeiten gearbeitet, in denen mich die Geheimpolizei in Ruhe ließ, ich war nie im Gefängnis und ich wurde auch nicht gezwungen, ins Exil zu gehen. Ich war in der glücklichen Lage, publiziert zu werden. Ich hatte die Möglichkeit zu sagen, was ich wollte, also glaube ich, dass ich keinen Grund habe, mich zu beklagen. Und ich mag keine winselnden Dichter. Dichtung ist ein riskantes Unterfangen. Wenn man sich entschließt, das Risiko einzugehen, darf man sich nicht beklagen.

Übersetzung: Luzia Schrampf

(ALBUM, STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Mit Hans Magnus Enzensberger sprach Michael March

Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, gehört zu den bekanntesten Autoren Deutschlands. Zuletzt erschien von bei Suhrkamp "Die Elixiere der Wissenschaft Seitenblicke in Poesie und Prosa" (€ 9,30).

Michael March wurde 1946 in New York geboren, er lebt als Autor und Übersetzer in Prag. Er leitet das renommierten "Prague Writers' Festival", bei dem Enzensberger heuer las.
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