Ein Leben ohne Kern, eine Regie ohne Konzept

16. April 2004, 21:14
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Anfang Juni bei den Wiener Festwochen: Peter Zadek inszenierte am Berliner Ensemble "Peer Gynt"

"Peer, Du lügst, Du lügst!", beginnt Henrik Ibsen sein dramatisches Gedicht Peer Gynt. Peter Zadek, 78, hat das Menschen- und Weltendrama des Norwegers jetzt am Berliner Ensemble inszeniert. Mit ungeheurem finanziellen (man spricht von einer Million Euro Produktionskosten) und zeitlichem Aufwand (fünf Monate Proben). Claus Peymanns Haus am Schiffbauerdamm wurde vom Zirkus Zadek mit vertrauten Weggefährten für die Hauptrollen und großem Tross besetzt: Kaum mehr vertretbare Wunschbedingungen also, die durch das enttäuschende künstlerische Ergebnis nicht gerechtfertigt, nach dreieinhalb Stunden aber neben Buhs für Zadek mit Fan-Applaus quittiert werden.

Zadek, sonst mit oft glücklicher Ibsen-Hand, verschenkt, verspielt und verödet mit umtriebigem Leerlauf den "nordischen Faust". Und hat mit Uwe Bohm nur einen netten, mit 42 auch nicht mehr jungen Mann für die Titelrolle. Dem steht bis zur frühen Pause Angela Winkler als Aase zur Seite. Sie ist eine sturmerprobt skeptische Mutter, steht für einen guten Start. Nach ihrem Tode indes gewinnt der Abend keinen Höhenflug.

Uwe Bohms Lauf durch Lebensjahrzehnte vom wüst träumerischen Aufschneider, dreistem Brauträuber, Wilderer zum Kronprinz im Reich der Trolle, vom Geld-Tycoon zum Propheten, vom Liebhaber zum Gast im Tollhaus von Kairo; vom Größenwahn zur gescheiterten Existenz, die vom Knopfgießer am Ende "umgegossen" werden soll, ist ein vielfältig farbiger Weg. Uwe Bohm hat dafür ein paar Masken, Um- und Anzüge, aber über Stunden nur einen schmalen Ton. Und Zadek offenbar auch keine Vorstellung, was er mit diesem Stück, mit diesem Abend will.

Der beginnt zunächst munter als armes Theater auf aufgerissener Bühne, ein paar Stühle (Ausstattung Karl Kneidl) reichen vom Gebirge bis zum brüchigen Schiff zur Heimkehr, Papierschnipselschnee für die Poesie. Dann aber kommt doch eine grell billige Kostümschlacht für das bunt gewürfelte Personal und manch Bühnenpopanz: ein zeitungsbeklebtes Ross für Anouschka Renzi. Sie zeigt, für die Beduinenschönheit Anitra vom Ku'Damm zum Schiffbauerdamm gewechselt, die ihr geneideten Vorzüge ihrer Körperlichkeit, denen ihr Können nicht so recht das Wasser reichen kann.

Auch Solveig (Annett Renneberg), die in Glauben, Lieben und Hoffen ihr Leben mit Warten auf Peer spät erfüllt sieht, rührt nicht recht an. Die große Liebende kommt über scheu hölzern staksige Sanftmut nicht hinaus. Wenn Zadek das Ende der berühmten Peter-Stein-Inszenierung von 1971 mit sechs Peers und Edith Clever als Aase mit der Pietá zitiert, in der Jutta Lampe als Solveig Bruno Ganz in ihrem Schoß birgt, ist das gefährlich. Ihm gelingt nur ein Abend von der Art, die Botho Strauß in seiner im Ende neuen Fassung vom Knopfgießer dem Peer Gynt unterstellt: "Du bist ein So-la-la!"

Dazu passt, dass Zadek die Schlüsselszene in eine Curry-wurstbude am Kurfürstendamm verlegt, wo grauslich schlecht berlinert wird. Da muss Peer Gynt die Zwiebel schälen und feststellen, dass er nur Schale um Schale gelebt, aber ein Leben ohne Kern geführt hat. Das wird zum Gleichnis auch für Zadeks schale Inszenierung. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Lorenz Tomerius aus Berlin
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