"Hidalgo – 3000 Meilen zum Ruhm": Selbstfindung im Galopp

14. Juli 2004, 16:34
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Ein Mann und sein Pferd auf heilsamem Ritt unterwegs durch die Wüste: "Herr der Ringe"-Star Viggo Mortensen in "Hidalgo"

Viggo Mortensen arbeitet in "Hidalgo - 3000 Meilen zum Ruhm" an der Korrektur des Images vom Cowboy als einem engstirnigen Individualisten.


Wien - Sein bester Freund ist sein Pferd, ein ungezähmter, gefleckter Mustang, der auch dem Film den Namen gibt: Hidalgo. Ansonsten weicht Frank T. Hopkins vom Bild des typischen US-Cowboys ab - als Halbblut steht er zwischen den Kulturen. Traumatisiert durch seine Zeugenschaft am Massaker von Wounded Knee, bei dem Indianer von Soldaten brutal ermordet wurden, verdingt er sich bei Buffalo Bills "Wild West Show": Die Mythen des Wilden Westens sind zur Zirkusnummer verkommen.

Wie unlängst The Last Samurai setzt auch Hidalgo, inszeniert von Joe Johnston (Jurassic Park III), an einer historischen Schwelle an: Die eigene Nation befindet sich nach dem Bürgerkrieg in der Krise, ähnlich wie der Held des Films. In beiden Arbeiten vermag nur ein exotisches Außen neue - und heilsame - Herausforderungen zu bieten. Doch wo Tom Cruise mittels Kriegskunst gesundet, nimmt Hopkins an einem Pferderennen durch die orientalische Wüste teil und findet zurück zu den eigenen Wurzeln.


Ungewöhnlicher Star

Die unterschiedliche Ausrichtung beider Filme lässt sich gerade an den Hauptdarstellern gut illustrieren: Hopkins wird von Viggo Mortensen verkörpert - anders als Cruise ein ganz introvertierter Schauspieler. Nach Rollen bei Gus van Sant (Psycho) oder Jane Campion (Portrait of a Lady) wurde er als Aragorn in Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie weltweit zum Idol.

Mortensen zählt zu den ungewöhnlicheren Stars seiner Generation. Nicht unbedingt, weil er zum Interview in Socken kommt und einigermaßen schüchtern wirkt, sondern weil er vielseitige Interessen pflegt: Er malt, fotografiert, dichtet und hat seinen eigenen Verlag, Perceval Press, gegründet, in dem etwa unlängst ein Bush-kritisches Buch erschienen ist.

"Ich fand die Geschichte und ihren Kontext spannend", erzählt Mortensen denn auch über Hidalgo. "Das Ende des 19. Jahrhunderts war ein Moment, wo die USA begannen, sich von sich selbst ein Bild zu machen. Im Film geht es um einen etwas verlorenen Helden, der noch einmal gefordert wird. Für einen Hollywood-Studiofilm fand ich den Stoff ungewöhnlich, ja sogar subversiv."

Dabei ist sich der US-Star durchaus darüber im Klaren, dass es sich um ein Action-Adventure handelt, das mit klassischen Schauwerten wie exotischen Kulissen und dunkelhäutigen Schurken, aber auch computergenerierten Sandstürmen und Heuschreckenplagen aufwartet. Einmal in der Fremde, entwickelt sich unter den Teilnehmern des Rennens ein erbitterter Wettkampf um Leben und Tod, der mit unlauteren Mitteln geführt wird.

Für die arabischen Mitstreiter geht es um ihre Ehre, für den Scheich (Omar Sharif) noch zusätzlich um jene seiner Tochter (Zuleikha Robinson). "Hidalgo ist kein Film mit Botschaft", meint Mortensen, "aber er transportiert dennoch eine positive Idee des Zusammentreffens von Ost und West. Es gibt vielfältige Beziehungen unter den Figuren, und mit der Zeit entdecken sie, dass Unterschiede nicht so entscheidend sind. So etwas wie ethnische Reinheit gibt es darin definitiv nicht."

Hidalgo ist als Blockbuster ebenso "unrein" wie seine Figuren. Verschiedene Genres werden vermengt, traditionellere Versatzstücke mit einem Bewusstsein für kulturelle Unterschiede kombiniert. Die "production values" wirken mit der Zeit jedoch kontraproduktiv: Zu viele Nebenplots verstellen die Sicht auf den Fortgang des Rennens, hemmen dessen Dynamik.

Mortensen legt Hopkins zurückhaltend an. Er spricht wenig, pflegt sein Pferd und hilft, wenn ein Konkurrent im Treibsand zu versinken droht. Für den Cowboy wird das Rennen auch zum individuellen Drama: In der Wüste entdeckt er seine eigene letzte "frontier" und einen Weg, sich seiner Identität als Native American zu stellen. Diese Korrektur am Bild eines US-Prototyps war Mortensen wichtig:

"Der Cowboy hat ja auch Ähnlichkeiten mit mittelalterlichen Rittern. Ich verstehe zwar, dass sein Image für viele negativ konnotiert ist. Das liegt aber weniger an Hollywoodfilmen, sondern an Politikern wie Ronald Reagan oder George Bush junior: Sie strapazieren ein mythisches Bild des Cowboys, dessen Individualismus davon abhängt, andere auszuschließen. Meine Sicht ist da ganz anders: Hopkins hat durchaus Humor; er weiß zwar einiges über die Welt nicht, aber er ist interessiert, also offenherzig."

Das Herz des Films bleibt dennoch die Beziehung von Hopkins zu seinem Pferd - das fast so viele Close-ups wie er selber hat. "Nobody hurts my horse", meint der Cowboy denn auch einmal - und damit das auch so bleibt, hat Mortensen den Mustang gekauft und auf seine Ranch bringen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Jetzt im Kino
  • Startschuss für ein Pferderennen mit therapeuti- 
scher Wirkung: Cowboy Hopkins (Viggo Mortensen) allein unter Arabern in "Hidalgo - 3.000 Meilen zum Ruhm".
    foto: buena vista

    Startschuss für ein Pferderennen mit therapeuti- scher Wirkung: Cowboy Hopkins (Viggo Mortensen) allein unter Arabern in "Hidalgo - 3.000 Meilen zum Ruhm".

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    Introvertiert: Viggo Mortensen

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