Ein Koitus der Erkenntnis

9. April 2004, 19:18
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"Parsifal" an der Staatsoper: Die Inszenierung von Christine Mielitz zeigt eine kaputte Männerrunde in gediegenem Handwerk

Premiere von Wagners "Parsifal" an der Staatsoper: Regisseurin Christine Mielitz zeichnet das Bild einer kaputten Männerrunde, die an der Enge und Gewalttätigkeit ihrer Welt zu scheitern droht. Applaus für die Sänger, geteilte Meinungen bezüglich der Regie.

Wien – Irgendwie ist die Wiener Staatsoper auch eine Art Amfortas, und Richard Wagner ist gleichsam auch eine seiner klaffenden Wunden. Nicht alle hat Direktor Ioan Holender zugefügt. Die nun seit einigen Jahren existierende Ring-Wunde zweifelsohne; im Rahmen seiner (nach Opernmaßstäben) in alle Ewigkeit verlängerten Direktionszeit will er sie mit einem Regie-Parsifal bis 2010 heilen.

Holenders eher langsame Erneuerung der unaufhaltsam alternden, von ihm übernommenen Inszenierungen fügt dem Haus jedoch zumindest einige schmerzhafte Beulen zu, zu denen auch August Everdings Parsifal gehörte, der nun ausgelitten hat.

Holender gibt in der Öffentlichkeit gerne eine Art Hans Sachs, der versucht, die Balance zwischen Tradition und Moderne zu wahren. Im Zweifelsfall jedoch kippt er hinein ins risikolose "Alles bleibe gleich", weicht mitunter ins Raritätenfach aus. Oder er sucht – während in Bayreuth mit Schlingensief (Parsifal) oder Lars von Trier (Ring) volles Risiko genommen wird – Erneuerung mit den Mitteln des gediegenen Handwerks. Wie es bei Christine Mielitz zweifellos zu finden ist.

Auch da allerdings bereitete er präventiv vor, indem er verkündete, es würde dies alles keine glatte Angelegenheit werden. Als hätte es gegolten, auf eine kühne Inszenierungsoperation vorzubereiten. Nun, Mielitz hat all das glitzernd-romantische Excalibur-Getue einstampfen lassen. Aber ein in allen Fasern überzeugender Werkentwurf ist ihr, abgesehen von Details, leider nicht geglückt.

Ihre Männerrunde ist ein Haufen brutaler, geiler Lumpenritter, die sich gleich zu Beginn im kollektiven Waschraum grapschend auf Kundry stürzen. Die hehre Utopie, der sie sich verschrieben haben, droht an ihrer blutigen Umsetzung und der hermetischen Abriegelung einer geschlossenen Herrenrunde zu ersticken. Das Ritual: Die Gralsenthüllung ist zunächst gleichsam eine Verhüllung. Die Ritterschaft (unter ihnen ein solider Robert Holl als Gurnemanz) wird in die Höhe gehoben – unter ihr wird man einer von Weltleid kündenden Kinderschar ansichtig. Titurel (sonor Walter Fink) ist dabei eine singende Leiche im Sarg.

Die unmittelbare Bedrohung dieser biedermeierlich tapezierten Welt geht von einer Mischung aus Demagogie und Zuhälterei aus: Klingsor, in goldig glitzerndem Anzug (profund Wolfgang Bankl), steht hinter einem Rednerpult und agitiert, während hinter ihm martialische Filme kommentierend auf die Folgen seiner Pläne hinweisen.

Kundry macht er in seinem Ledersofapuff mit Spritzen, Alkohol und Gewalt gefügig. Mielitz inszeniert dies – ein schon bei Peter Sellars gesehener Effekt – als Reality-TV-Show. Immerhin: Es ergibt die filmische Nahaufnahme des Kundry-Leids im 2. Akt eine psychologische Verdichtung. Bevor sie Parsifal bezirzt – ihm wird ein Koitus der Erkenntnis zuteil -, dürfen die Blumenmädchen von schwarz gekleideten Witwen zu tanzenden Lesben mutieren.

Hebt nicht ab

Da sind zwar Ideen – aber nicht immer die besten. Und sie heben nicht ab zu szenischer Besonderheit. Wenn irgendwo doch, dann kommt die Inszenierung im Figurenleid produktiv zum Tragen. Zum einen bei Kundry. Angela Denoke kann als große Darstellerin zwischen Androgynität und Nacktheit trotz Zartheit als dramatisch durchhörbare, intensive Sängerin in Erscheinung treten.

Und Thomas Quasthoff ist als Amfortas eine Art singende Wunde. Zwischen den Rittern von der siechenden Gestalt ist er der Inbegriff der Todessehnsucht, der sich im Sarg des Vaters verkriecht. Parsifal, den noch Ahnungslosen, blickt er flehend-streng in die Augen. Ein starker Moment, ein starker Sänger. Quasthoff verleugnet nicht den Liedsänger. Allerdings führt er sein delikates Timbre gerne in die Sphäre des Dramatischen, wenngleich er damit nicht immer hörbar ist. Außer er singt frontal zum Publikum.

Johan Botha (als Parsifal) ist der bewährt strahlende Tenor. Sein metallisches Timbre ist kultiviert und tragfähig, besondere Zwischentöne allerdings fehlen; wie auch seine Darstellungskunst trotz Fortschritten noch zweifellos ausbaufähig wäre . . . Der Speer, den er ergreift (mäßig gelungene Szene), leuchtet wie das Schwert eines Jedi-Ritters in Star Wars und ist am Ende keine Waffe mehr.

Mielitz lässt Parsifal Friedfertigkeit propagieren. Des Mordens müde, hat sich der blutüberströmte Held gar die Gewalthaut abgezogen. Die Moral: Gewalt ist kein Weg, die Ritterschaft soll sich öffnen. Am Ende stehen alle an der Rampe. Die Haupthelden sieht man nicht. Glück ist in der Gemeinschaft – Verantwortung soll nicht einer allein tragen. Das sind diskussionswürdige Gedanken, aber deren szenische Umsetzung ist allzu oft nur bieder.

Dass das Ganze verdammt lang wirkt, ist auch der Arbeit im Orchestergraben anzukreiden. Donald Runnicles nimmt sich viel Tempozeit, erschafft aber bestenfalls einen soliden Klang, der erst zum Schluss hin – auch partiturbedingt – an Intensität gewinnt. Ein bisschen spät. Zuvor staunte man nicht nur einmal über die schläfrigen Einsätze und Kickser der Blechbläser.

Wenn dies jenes philharmonische Qualitätsmaximum bei Premieren war, dann hat das demokratische Kollektiv ein grundsätzliches Problem. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Ljubisa Tosic
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wagners Blumenmädchen (hier eher leichte Mädchen) lässt der wissensdurstige Parsifal (Tenor Johan Botha) abblitzen - mit Kundry geht es dann allerdings bei Chistine Mielitzs Version durchaus zur Liebessache.

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